12.01.2022

Wir verstehen es nicht mehr

Ein Kommentar von Frank Sill

Wie will die Politik endlich mal nachvollziehbar mit der Pandemie umgehen? Nach beinahe zwei Jahre gefühltem Aktionismus, sind am Ende immer mehr Existenzen bedroht oder inzwischen gescheitert. Beinahe täglich erhalten wir solche Informationen. Jetzt, seit Montag 10. Januar 2022, gilt hier in Hamburg für die Gastronomie 2G-Plus. Was nichts anderes bedeutet, als dass vermutlich kaum noch Gäste kommen werden. Ein Umstand, der viele Gastronomen veranlasst, sich quasi einen eigenen Lockdown für die nächsten Wochen zu verschreiben.

Haben wir nicht immer wieder gehört, dass die Politik Evidenz-basiert entscheidet und handelt? Wo sind die Fakten? In den vom RKI veröffentlichten Statistiken erscheinen Restaurants noch nicht einmal ansatzweise als signifikanter Treiber des Infektionsgeschehens. Wer soll das noch verstehen? Ja, die Infektionszahlen schnellen in die Höhe. Das war auch lange von namhaften Wissenschaftlern so vorhergesagt – auch schon vor der Wahl. Aber da war Corona im politischen Alltag kaum noch Thema. Es gab scheinbar Wichtigeres, zum Beispiel die Sicherung seines persönlichen Mandats. Das ist eine Vermutung. Und ich gestehe: Auch diese ist nicht evidenzbasiert.

Symbolpolitik auf dem Rücken der Gastronomie?

Was wir wahrnehmen ist eine Gastronomie, die schon im ersten Lockdown alles möglich gemacht hat. Das war nach damaligem Stand der Wissenschaft geboten, um maximale Sicherheit für Gäste und Mitarbeiter zu gewährleisten. Was wir auch wahrnehmen ist, dass die Gastronomie weiterhin von der Politik gebeutelt wird. Auf ihrem Rücken wird ein scheinbar blinder Aktionismus ausgetragen. Und jetzt 2G-Plus. Die Gastronomen waren schon mehr damit beschäftigt, die Impfpässe und dazugehörigen Ausweise zu kontrollieren, als sich um ihre Gäste kümmern zu können. Ein bekannter Gastronom formulierte uns gegenüber so treffend: „Ich wurde umgeschult: vom Gastronomen zum Fahrkartenkontrolleur.“ Und das Ganze vor dem Hintergrund einer sich ständig verschärfenden Personalnot.

Viele der ehemaligen Mitarbeiter haben sich im zweiten Lockdown zwangsläufig umorientieren müssen, schlichtweg um zu überleben. Und mehr als verständlich weigern sich sehr viele ehemalige Mitarbeiter zurückzukehren, da die Zukunft in dieser Branche immer ungewisser wird. Selbst die Gastronomen, die es auch wieder schaffen durch diesen – indirekten – Branchen-Lockdown zu kommen, werden immer mehr unter finanziellen Druck geraten, weil Reserven aufgebraucht sind und jetzt definitiv die Gästezahlen weiter runtergehen, da ein Spontanbesuch kaum mehr möglich ist. Aktuell und künftig wird es immer schwieriger werden, Personal zu finden, um einen professionellen Service und eine einwandfrei funktionierende Küche aufrechtzuerhalten, die den Gästen einen Moment des Genusses und der Lebensfreude wie selbstverständlich bieten kann. Etwas was wir alle – gerade in diesen substanziell fordernden Zeiten – hin und wieder einfach dringend benötigen würden.

Was will die Politik damit eigentlich erreichen? Selbst die Gutmütigsten unter uns, die zu einem sehr großen Teil den empfohlenen Maßnahmen gefolgt sind, verlieren den Glauben an einer handlungsfähigen und klar ausgerichteten Politik. Wie häufig muss man sich vertagen, weil man in endlosen Gesprächsrunden scheinbar keinen politischen Konsens findet? Ohne Frage ist das der natürliche Bestandteil eines demokratischen Prozesses. Wir befinden uns aber auch in einer dramatischen Situation, die für immer mehr Menschen zur existenziellen Vernichtung führt. Hier darf man auch einen handlungsstarken sowie vorausschauenden und planenden Staat erwarten. Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass ein Großteil der Bevölkerung von sich aus reagiert, wenn die Infektionszahlen steigen, bevor überhaupt angekündigte Maßnahmen greifen können. Dies sollte auch gesehen werden, denn es gibt eben auch eine große Form der Eigenverantwortung und Rücksicht gegenüber anderen in diesem Land.

Existenzielle Verantwortung

Apropos Verantwortung übernehmen: Wie oben geschildert hat auch unsere Gastronomie immer wieder Verantwortung übernommen und investiert, um bestmöglich Sicherheit zu gewährleisten. Auch schon als die diversen finanziellen „Bazooka“-Unterstützungen angekündigt waren, aber keiner deren Ausgestaltung wirklich kannte – und kaum damit gerechnet hat, wie umständlich der Bezug war – noch ahnen konnte, wie elend lange sich teilweise die Auszahlungen hinziehen. Vielleicht liegt es in unserer Branche am Ende auch daran, dass sie in unsere Stadt keine Lobby hat. Eine Branche, die übrigens einen enormen Anteil daran hat, dass unsere Heimatstadt immer mehr steigende Besucherzahlen (vor Corona) hatte und damit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und Arbeitgeber ist. Fast scheint es, dass unserem Hamburger Senat entweder egal oder nicht bewusst ist, wie viele Existenzen und Arbeitsplätze an ihren Entscheidungen hängen. Menschen, die sich mit viel Kapital und noch viel mehr Engagement eine Existenz aufgebaut haben, werden jetzt der Lorbeeren ihrer Arbeit und Leidenschaft, andere glücklich zu machen, beraubt.

Was ist denn jetzt der Plan hinter dieser Entscheidung? Ist es vielleicht der (implizite) Versuch, über diese Maßnahme eine eigene Impf-Verpflichtung zu lancieren? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Der Autor dieses Textes steht übrigens kurz vor seinem Booster und hätte dafür auch nicht 2G-Plus gebraucht. Wenn die Politik jetzt (nach der Bundestagswahl) eine Impfpflicht für angebracht hält, weil man es nicht geschafft hat fokussiert und nachvollziehbar aufzuklären, dann soll sie machen. Wenn die andauernde Kakophonie der politischen und gesellschaftlichen Diskussion jedes Argument der aufklärenden Überzeugung zersäbelt hat, dann bleibt wohl kaum noch eine andere Möglichkeit die Pandemie in den Griff zu bekommen – leider. Ob es gegen die zunehmend endemische Lage der Staatsverdrossenheit bis hin zur Abkehr von unserem demokratischen und gesellschaftlichen Grundkonsenz wirkt, da bin ich allerdings immer skeptischer. Ständig wiederkehrende Einschränkungen können einfach nicht mehr der probate Weg sein. Der Preis bis hierhin war schon hoch – der gesamtgesellschaftliche Schaden ist wohl inzwischen noch größer.