Vor dem Lily of the Valley in der Bahrenfelder Straße flackern Kerzen im Januarwind, dazwischen stapeln sich Blumen, handgeschriebene Zettel, kleine Herzen aus Papier. Menschen aus der Nachbarschaft bleiben stehen, erzählen sich, wann sie Cengiz Özdemir zuletzt gesehen haben – an der Tür, hinterm Tresen, mitten im Raum, wo er schneller als jeder andere von Tisch zu Tisch ging und trotzdem Zeit fand, nachzufragen, wie es geht. Genau dieser Gastgeber fehlt Ottensen jetzt: Özdemir, Betreiber der veganen Restaurants Lily of the Valley und Bistro Ivy, ist in dieser Woche verstorben. Er wurde nur 36 Jahre alt.
„Ein großer Gastronom und ein noch größerer Gastgeber“
In einem gemeinsamen Instagram-Statement schreiben die Teams „mit großem Schmerz und in tiefer Trauer“, sie könnten den Verlust „noch nicht fassen“. Cengiz sei „ein Anker für uns alle“ gewesen – als Sohn, Verlobter, Vater, Freund, Geschäftspartner und Chef. „Er hat für uns alle die Sonne aufgehen lassen“, heißt es dort, außerdem sei er „ein großer Gastronom und ein noch größerer Gastgeber“ gewesen. Wer jemals in der engen Mittagspause einen der wenigen Tische ergattert hat, versteht sofort, warum diese Worte so sehr passen: Im Lily ist der Andrang mittags enorm, trotzdem bleibt es persönlich. Nicht selten hat Cengiz Özdemir unserem Redaktions-Team irgendwie noch Platz schaffen können, auch wenn der Laden bereits aus allen Nähten platzte.
Aus dem Umfeld wird bekannt, dass eine Krebserkrankung hinter dem Tod steht. Die Diagnose sei demnach erst im Frühjahr 2025 gestellt worden, die Behandlung sei so gut verlaufen, dass zwischenzeitlich Hoffnung aufgekommen sei. So sehr, dass Nachbarn sagen, sie hätten nicht einmal bemerkt, dass der beliebte Wirt so krank gewesen sei. Doch dann kehrt die Krankheit mit voller Wucht zurück– am Ende verliert Cengiz den Kampf. Besonders schwer trifft es seine Familie: Der Wirt hinterlässt seine Verlobte und einen Sohn im Grundschulalter.

Restaurants wieder geöffnet
Wie es mit den Läden weitergeht, ist in solchen Momenten oft unklar. Doch dieses Mal liegt zwischen Trauer und Alltag eine bewusste Entscheidung: „Wir möchten seinen Spirit weitertragen“, so das Team. Alle drei Standorte seien bereits wieder geöffnet. Man wolle Gäste „mit der gleichen Energie willkommen heißen“ und freue sich „über jeden Gast, über jedes Gespräch und über jedes Essen“, das man serviere. In Ottensen bedeutet das: weitergehen, ohne zu vergessen – und einen Platz im Herzen behalten für jemanden, der hier so viele hat ankommen lassen. In beiden Lokalen können Gäste, Nachbarn und Freunde in Kondolenzbüchern einen letzten Gruß hinterlassen.