Rindchen schlemmt

Nordische Brotzeit mit der Hobenköök

Völlig unterschätzt: belegte Brote. Doch mit den richtigen Produkten wird die Brotzeit zum wahren Schmaus. Die findet Gerd Rindchen in der Hobenköök

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wir essen zum Beispiel Abends nahezu i m m e r warm. Meist kochen wir zu Hause, früher, als es noch so genannte „Restaurants“ gab (deren Funktion zu erklären würde den Rahmen dieser Kolumne sprengen), haben wir auch diese gelegentlich frequentiert. Eines Tages vor einem knappen Vierteljahrhundert hatten wir, weil wir extrem viel zu tun hatten, beschlossen, des Abends eine leckere Brotzeit zu verzehren – mit unseren liebsten Brotsorten, Roastbeef, Gürkerl und allem pipapo. Als unser Sohn von der Tagesmutter kam, uns anstrahlte, wie immer fragte „Was gibt es heute Abend zu essen?“ und zur Antwort erhielt „Belegte Brote“ war es um seine Fassung geschehen. „Mama, Papa, ist irgendwas Schreckliches passiert, habt ihr euch gestritten?“ fragte er uns völlig entsetzt. Nun kann aber ja eine schöne Brotzeit, zuvörderst zusammengestellt aus den besten Produkten regionaler Produzenten, eine überaus leckere Angelegenheit sein – womit wir beim eigentlichen Behufe dieser schnöden Zeilen angelangt sind.

Brot-Klassiker

Das Praktische: Wer entdecken, erleben und erschmecken möchte, was der Norden diesbezüglich kulinarisch so zu bieten hat, benötigt dafür eine einzige Stätte der Einkehr: Thomas Sampls verdienstvolle „Hobenköök“ unweit der Deichtorhallen. Regionale Bio-Bäckereien, angefangen bei Vollkorn-Platzhirsch Thomas Effenberger mit unserem All-Time-Favorite Roggenvollkorn, über Bäcker Bade mit seinem köstlichen Graubrotklassiker „Finken“ bis hin zum ambitionierten Newcomer „Zeit für Brot“ liefern schon mal die passende Grundlage.

Nordisch by Nature

Über 140 (!) regionale Käsesorten von Manufakturen wie zum Beispiel Gut Backensholz bedienen den Freundeskreis Vergorene Milch auf das üppigste, Wurstfreunde werden mit den klassisch handwerklich erzeugten Elaboraten der Altländer Kult-Räucherei von Jan-Eric Quast überglücklich (Special Tipp: Pfeffersalami!). Thomas Sampl entfaltet neuerdings sogar eigene Schlacht-Aktivitäten und bietet so unter anderem traditionelle Blutwürste an, auch alte und vergessene Spezialitäten wie hervorragender Presskopf oder rustikale Sülzen finden sich hier. Räucherfische kommen aus Mecklenburg-Vorpommern, großartige Heringsmarinaden von der schleswig-holsteinischen Ostseeküste und natürlich bevölkert auch eine stattliche Anzahl veganer Brotaufstriche und regionaler Marmeladen die Regale.

Kurzum: Wer für eine köstliche Brotzeit einkauft sollte tunlichst nicht allzu hungrig in der Hobenköök aufschlagen. Es droht sonst ob der Fülle und Attraktivität des Gebotenen akute Kaufrauschgefahr und ein so voller Kühlschrank, dass man sich tagelang von Brotzeiten nähren müsste. Und ab und zu ist was Warmes am Abend dann doch auch wieder ganz schön.

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Der Wein- und Genuss-Experte Gerd Rindchen ist seit Jahrzehnten in der Gastro-Szene unterwegs. Wer seine Lieblinge sind und warum, verrät er hier in diesem Blog.