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Arbeitsbedingungen in der Hotellerie

Wie ein einzelner Verein eine Branche verändern möchte

Katharina Darisse ist Geschäftsführerin und Vorstandsvorsitzende des Vereins Fair Job Hotels e. V. Im Gespräch mit dem Genuss-Guide erklärt sie, was den Verein ausmacht, wie sich die Hotellerie gewandelt hat und was sie sich für die Zukunft der Branche wünscht

9. März 2026 von Fred Guiot

Katharina Darisse kommt selbst aus der Hotelleriebranche / ©Eric Shambroom Photography
Katharina Darisse kommt selbst aus der Hotelleriebranche / ©Eric Shambroom Photography

Die Hotelleriebranche hat nicht das beste Image. Lange Arbeitszeiten, körperlich zehrende Tätigkeiten, strenge Hierarchien und ein rauer Umgangston. Um zu zeigen, dass es auch anders geht, gründeten 15 Hoteliers 2016 Fair Job Hotels: eine Arbeitgeberinitiative, zu der inzwischen etwa 110 Hotels in der DACH-Region gehören. Die Mitgliederhotels stehen für besonders faire Arbeitsbedingungen und haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese stetig zu verbessern, die Mitarbeitenden zu schulen und Talente der Branche zu fördern. In Hamburg sind vier Hotels dabei: das Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten, The Fontenay, das Tortue und das Side Design Hotel. Katharina Darisse ist Geschäftsführerin und Vorstandsvorsitzende des Vereins und bedauert den schlechten Ruf, der der Branche vorauseilt. „Die Hotellerie und Gastronomie ist stark fragmentiert. In dieser Bandbreite von Betrieben gibt es sehr viele Ausbilder und gut geleitete Häuser, die das Thema HR (Human Resources) sehr professionell leben“, erzählt sie. „Dann gibt es aber auch viele, die das nicht abbilden können. Unsere Branche leidet darunter, dass Menschen in dieser Art von Betrieben anfangen  und dann enttäuscht wieder aufhören. Dadurch entsteht das Bild, dass man in der Hotellerie und Gastronomie schlecht bezahlt ist, zu viel arbeitet und nicht gut ausgebildet wird.“ 

Präkere Arbeitsbedingungen?  Wie sich die Hotelleriebranche gewandelt hat

Die Geschäftsführerin des Vereins ist der Ansicht, dass der schlechte Ruf zumindest Teilen der Branche nicht gerecht wird. „Es hat eine unheimliche Professionalisierung stattgefunden“, erklärt sie. Besonders in den letzten zehn Jahren hat sich laut ihr in der Hotellerie einiges getan. Mitarbeiter- und Bewerbermangel hätten besonders während der Corona-Zeit zu tiefgreifenden Veränderungen in der Branche geführt: „Während der Pandemie haben sich unheimlich viele Betriebe ganz intensiv und tiefgreifend mit diesem Thema auseinandergesetzt und ihre HR-Abteilungen stärker aufgebaut. Das wirkt sich natürlich positiv auf die erlebte Arbeitswelt im Hotel aus.“

Das Tortue gehört zu den vier Hamburger Fair Job Hotels / ©Tortue
Das Tortue gehört zu den vier Hamburger Fair Job Hotels / ©Tortue

Eine gute Unternehmenskultur ist eine, die der Mitarbeiter wirklich erlebt

Katharina Darisse

Darisse empfindet die Arbeit in Hotels ohnehin als etwas Positives. Sie liebt die vielfältige Branche, hat selbst Hotelmanagement studiert und war lange in der Hotellerie tätig bevor sie zu Fair Job Hotels kam. „Die Hotellerie ist eine großartige Schule“, betont sie. „Man lernt Belastbarkeit, das ist allerdings überhaupt nicht als negativ zu bewerten, sondern eine unglaublich gute Grundlage für jeden Menschen.“ Zudem weist sie auf die große Berufsvielfalt in der Branche hin. „Ein Hotel bietet viel mehr als Küche, Service, Rezeption und Housekeeping. Es gibt Finanzen, Buchhaltung, HR, Sales und Marketing, Haustechnik, Floristik und weitere. Das sind die Bereiche, die die Gesellschaft weniger wahrnimmt.“ Gleichzeitig betont sie, welche große wechselseitige Verantwortung ein Arbeitsverhältnis mit sich bringt. „Man bekommt als Unternehmen einen Menschen anvertraut und begleitet diesen für eine gewisse Zeit durch sein Leben“, erklärt sie. Dieser Verantwortung müsse man sich als Arbeitgeber bewusst werden und ihr in Form einer positiven Unternehmenskultur gerecht werden. „Eine gute Unternehmenskultur ist eine, die der Mitarbeiter wirklich erlebt, nicht etwas auf einem Blatt Papier, keine Werte und Visionen, die einfach aufgeschrieben werden.“

Die Fair Job Hotels: Was Musterbetriebe ausmacht

Um ihren Betrieb als Fair Job Hotel bezeichnen zu dürfen, müssen Hoteliers einen Aufnahmeprozess durchlaufen und sich aktiv in den Verein einbringen. „Wir haben eine Eignungsdiagnostik, die fünf Bereiche prüft“, erklärt Darisse. „Dazu gehören die Themen Unternehmenskultur, Vergütung und Benefits, Ausbildung, Weiterentwicklung sowie Gesundheit.“ Ehrlichkeit, Befähigung, Wertschätzung, Flexibilität, Vielfalt und Professionalität sind die Werte, anhand derer sich Fair Job Hotels orientiert und neue Mitgliedsbetriebe auswählt. Dabei ist grundsätzlich erst mal jedes Hotel willkommen, egal ob es klein oder groß ist, bodenständigen Service bietet oder sich im Luxussegment bewegt. „Wenn ein Hotelier zu uns kommt, ist das eine Selbstverpflichtung“, stellt sie klar. Bei der Aufnahme der Hotels wird auf gegenseitiges Vertrauen gesetzt. Es finden keine betriebsinternen Prüfungen oder Rezertifizierungen statt. Kritiker könnten an dieser Stelle fragen, ob die Zertifizierung dadurch nicht an Wirksamkeit einbüßt. Katharina Darisse hat dazu eine klare Haltung: „Es würde unser Verhältnis zu den Hotels stark verändern, wenn wir als Prüfer auftreten würden“, erklärt sie. „Wir arbeiten kollaborativ und vernetzt mit unseren Hotels, ziehen alle an einem Strang und geben uns Tipps. Das ist aus unserer Sicht wirksamer, als wenn ein Hotelier sich nur auf eine Prüfung vorbereitet.“

Das Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten war eines der ersten Fair Job Hotels in Deutschland / ©Matthias Plander
Das Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten war eines der ersten Fair Job Hotels in Deutschland / ©Matthias Plander

Diese Herangehensweise bedeutet allerdings nicht, dass jedes Hotel einfach mitmachen kann. Die Hotelführung muss zunächst glaubhaft aufzeigen, dass sie die Werte des Vereins bereits intern umsetzt. „Ich möchte nicht, dass Häuser zu uns kommen, die erwarten, dass sie nur durch unser Siegel Mitarbeiter gewinnen“, erklärt Darisse. „Fair Job Hotels hat sich in der Hotellerie positiv etabliert. Wenn wir Häuser aufnehmen, die das nicht darstellen können, wofür wir stehen, verliert unsere Marke an Glaubwürdigkeit. Das lassen wir nicht zu“,  stellt sie klar. Zudem werde mit  der Bewertungsplattform Kununu zusammengearbeitet, um sich ein Bild davon zu machen, wie die Mitarbeiter das Unternehmen empfinden. Auch Hotelketten sind bei Fair Job Hotels willkommen. Es werden allerdings immer nur einzelne Häuser zertifiziert. „Wir machen nie eine standardisierte Aufnahme, weil wir wissen, dass die Arbeitsbedingungen in jedem Haus verschieden sind“, so Darisse. 

Wir sollten in der Branche verinnerlichen, dass Führung und fachliche Kompetenz zwei verschiedene Dinge sind

Katharina Darisse

Die eigene Weiterentwicklung ist für Fair Job Hotels dabei stets wichtiger als die Zahl der Mitgliedshotels. Qualitatives Wachstum ist das Motto: „Du bist nicht einmal ein guter Arbeitgeber und hast das dann für immer erreicht. Das ist eine kontinuierliche Reise“, betont die Geschäftsführerin des Vereins. Daher fahre sie auch persönlich zu jedem neuen Mitgliedshotel und erkläre dem Team bei einem Onboarding, was die Zertifizierung als Fair Job Hotel mit sich bringt. Denn: „Ein Hotel schießt sich selber in den Fuß, wenn es nur eine Auszeichnung vorzeigt, aber das überhaupt nicht lebt.“ Damit die Hotels stets weiter an sich arbeiten können, organisiert der Verein Treffen für HR-Teams, das mittlere Management und die Auszubildenden, die zum Austausch beitragen sollen. Für den Fall, dass Angestellte  dennoch mit Problemen zu kämpfen haben, ist vorgesorgt. Fair Job Hotels arbeitet mit der Gesundheitsplattform Voiio zusammen, die Mitarbeitern Unterstützung in allen Lebenslagen bietet, zum Beispiel in Gruppencoachings, durch virtuelle Vorträge oder aufgezeichnete Kurse. Nicht nur bei der Prävention, sondern auch im Falle von mentalen Krankheiten unterstützt das Programm: Bei einer 24/7 Hotline erreichen Mitarbeiter sofort Psychologen und Berater, die zur Verfügung stehen. Zusätzlich hat jeder Mitarbeitende das Recht auf eine kostenfreie Therapiesitzung im Jahr. Außerdem gibt es die Position des „FAIRmittlers“ an den sich Mitarbeitende wenden können, wenn sie finden, dass ihr Hotel den Werten und Vorgaben des Vereins nicht gerecht wird. Die Mitgliedshotels zahlen an Fair Job Hotels eine jährliche Partnerfee und dürfen dann an allen Angeboten des Vereins ohne Zusatzkosten teilnehmen. 

V. l. n. r.: Marcus Fränkle (Zweiter Vorstandsvorsitzender), Katharina Darisse (Erste Vorstandsvorsitzende), Daniela Danz (Vorstandsmitglied) und Jochen Öhler (Vorstandsmitglied) / ©Patrick vom Berg
V. l. n. r.: Marcus Fränkle (Zweiter Vorstandsvorsitzender), Katharina Darisse (Erste Vorstandsvorsitzende), Daniela Danz (Vorstandsmitglied) und Jochen Öhler (Vorstandsmitglied) / ©Patrick vom Berg

Perspektivwechsel: Die Zukunft der Hotellerie

Trotz der Errungenschaften ihres Vereins sieht Katharina Darisse in der Hotellerie noch einigen Raum für Veränderung. „Wir sollten in der Branche verinnerlichen, dass Führung und fachliche Kompetenz zwei verschiedene Dinge sind. Wir dürfen nicht nur die befördern, die am längsten da oder fachlich am besten sind, sondern die, die am besten Menschen begeistern, motivieren und auf ihrem Weg begleiten können“, erklärt sie. Zudem solle ein Betrieb gegebene Versprechen auch einhalten können. „Wenn du es als Betrieb schaffst, zwischen dem, was auf Instagram versprochen wird und dem, was im Betrieb passiert, keinen Bruch zu haben, dann ist das natürlich der Idealfall.“ Und auch von der Gesellschaft wünscht sich Katharina Darisse etwas: „Dass Berufe in der Hotellerie und Gastronomie wertgeschätzt werden.“

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Ob Streetfood oder Sternegastronomie: Frédéric (Fred) Guiot kann sich für alles begeistern, was Hamburg kulinarisch zu bieten hat. Besonders die französische und vietnamesische Küche, aber auch die Hamburger Kneipenkultur haben es ihm angetan. In der Küche und im Service durfte Fred bereits viele Facetten der Gastro-Szene kennenlernen. Hier kann er diese Erfahrungen in seine Texte einfließen lassen.