Im Hinterhof an der Himmelstraße in Winterhude bleibt es seit Tagen still: Im Tafelspitz klappert kein Besteck, es duftet nicht nach Brühe, niemand ruft „Grüß euch“ über die Schwelle – weil Hans Tengg fehlt. Der gebürtige Kärntner stirbt am 1. Januar überraschend nach einer viel zu spät erkannten Krebserkrankung. Mit ihm verstummt ein Ort, der für viele mehr ist als ein Restaurant.
Er war kein gewöhnlicher Gastronom. Er war ein Unikat
Carmen Tengg
Mehr als zehn Jahre lang serviert er hier klassisch österreichische Hausmannskost, hat immer ein warmes Lachen und ein offenes Ohr. Beim Literaturquickie sitzen Hamburger Autor zwischen Gulasch und Gesprächen, Nachbar:innen werden zu Stammgästen, Stammgäste zu Freunden. „Er war kein gewöhnlicher Gastronom. Er war ein Unikat“, betont Tochter Carmen Tengg, als sie den plötzlichen Tod ihres Vaters über die Website und die sozialen Medien bekanntgibt.
Gerstbreisuppe zum Abschied
Am 24. Januar, seinem 78. Geburtstag, lädt sie mit ihrer Familie zur Trauerfeier ins Tafelspitz – nicht als leise Zeremonie hinter verschlossener Tür, sondern als öffentlichen Abschied, der so klingt, wie ihr Vater es geliebt hätte: gemeinsam, herzlich, ein bisschen laut. „Kommt vorbei, stoßt mit uns an, erzählt Geschichten, lacht, erinnert euch. Genau so hätte er es geliebt“, schreibt sie. Serviert wird an diesem Tag Gerstbreisuppe – sein Geburtstagsgericht, das er immer traditionell in einem bunten Karoanzug seinen Gästen an diesem besonderen Tag als „Geschenk“ serviert hat. Als kleine Erinnerung darf sich jeder ein Stück vom Tafelspitz mitnehmen: Kugelschreiber, Blöcke, Werbeartikel, Einkaufswagenchips oder Parkscheiben mit Tafelspitz-Aufdruck. Wichtig sei ihr: Jeder solle kommen, wie er ist. „Ganz ganz normal, wie sonst auch”, betont sie im Gespräch und ergänzt: „Mein Vater hätte gesagt, er habe ein schlechtes Jahr erwischt.“ Neben all der Wärme steht an diesem Tag auch eine Spendenbox bereit – für die Beisetzung an dem Ort, den er sich gewünscht habe.
Das letzte virtuelle Schnitzel
Aus dieser Mischung aus Trauer und Tatkraft entsteht auch die GoFundMe-Aktion „Das letzte virtuelle Schnitzel für Hans Tengg“. Die Resonanz zeigt, wie viele Menschen der Kärntner Wirt berührt: Blumen und Karten liegen vor der Tür, Freunde besuchen ihn noch in den letzten Tagen im Krankenhaus, in das er am 5. Dezember mit einem Verdacht auf Schlaganfall eingeliefert worden war, und die Spenden nähern sich dem Ziel von 5500 Euro bereits deutlich an.
Wie es mit dem Tafelspitz weitergeht, ist offen. „Ich würde dieses Erbe von meinem Vater unheimlich gerne antreten. Das wollte ich auch schon gern zu Lebzeiten“, sagt Carmen Tengg. Doch Haus und Grundstück seien so gut wie verkauft. Am 24. Januar zählt erst einmal etwas anderes: dass Winterhude noch einmal zusammenrückt, eine Suppe löffelt, auf Hans Tengg anstößt und zeigt, was er immer predigte, ohne große Worte zu machen: Gastro ist Gemeinschaft.