Die Gaststätte Dreyer aus Großstadtrevier ist gerettet

Sich kringelnder Zigarettenrauch steigt empor, ein frisch Gezapftes mit Schaumkrone steht auf dem Tisch, Musik dudelt leise vor sich hin, Gäste unterhalten sich am langen Holztresen, der von einem Ende zum anderen Ende des Lokals reicht. Durch die Atmosphäre entsteht der Eindruck, in das Hamburg der 60er Jahre einzutauchen, sobald man durch die Tür tritt. Glücklicherweise wird diese einmalige Atmosphäre der Gaststätte Dreyer zwischen St. Pauli und der Neustadt noch einige Jahre erhalten bleiben, denn noch vor wenigen Wochen war die Zukunft der Gaststätte ungewiss.

Seit 20 Jahren betreiben Detlef und Gritta Bremecker die Lokalität, die bereits seit 1923 in verschiedenen Formen besteht. Das Wandgemälde an einer der hohen Wände des Altbau-Hauses ist aus den 70er Jahren. Darauf zu sehen eine antike Darstellung des Areals rund um die Michaeliskirche. Von einem englischen Künstler über mehrere Tage gemalt, immer mit dem richtigen Pegel. Daher sei auch die Perspektive nicht ganz korrekt, erzählt Detlef. Detlef spricht in Hamburger Schnack und mit Zuneigung und Humor über seine und Grittas Gaststätte, die für viele Bewohner rundherum wie ein Wohnzimmer ist.

Ein unmenschliches Angebot

Umso schockierender war eine Nachricht im November vergangenen Jahres. Das Lokal stand vor dem Aus. Das Gebäude gehörte einst dem „König von St. Pauli“, Willi Bartels (*1914- †2007). Dessen Schwiegersöhne übernehmen seit dem Tod der Kiezlegende die Vermietung des Hauses in der Martin-Luther-Straße. Das Inventar hingegen gehört weder dem Ehepaar Bremecker, noch dem Vermieter. Ein ehemaliger Vermieter der Gaststätte hatte einen Vertrag über das Inventar mit einem Automatenaufsteller geschlossen, den das Ehepaar übernommen hatte. Dann lief der Vertrag zwischen dem Automatenaufsteller und den Bremeckers aus. Bereits zuvor bemühte sich der Kneipenwirt um ein Gespräch mit dem Eigentümer des Inventars, jedoch stand nach einiger Zeit lediglich ein Angebot von mehreren zehntausend Euro im Raum. „Unmenschlich“, nennt Detlef dieses Angebot, das nach einiger Zeit halbiert wurde. Doch auch diese Summe war für das durch Corona in Mitleidenschaft gerissene Ehepaar eine unzumutbare Summe für Bartresen, „Daddelautomat“, Tische und Stühle, die weitaus älter als 35 Jahre sind.

Ein Wohnzimmer für das Viertel

Glücklicherweise konnten sich die Vertragsparteien auf eine Summe einigen. „Wir mussten das zusammenkratzen. Denn wir wollen nicht, dass der Laden hier stirbt – insbesondere als Stadtteiltreffpunkt und Wohnzimmer“, erzählt Detlef mit hörbarer Erleichterung. „Wir haben etwa 20 Haustürschlüssel als Ersatzschlüssel von unseren Gästen. Wenn einer mal den Schlüssel vergessen hat, holt er ihn hier bei uns ab.“ Nun hat das Ehepaar einen Vertrag über zehn Jahre abgeschlossen. Die Gedanken über einen vernünftigen Nachfolger stehen im Raum, aber erstmal „läuft alles“, sagt Detlef und verabschiedet zwischendurch einen Stammgast.

Jan Fedders Stammkneipe in Großstadtrevier

Die Gaststätte Dreyer ist mehr als eine Kneipe. Als Detlef und Gritta 2002 im Michel geheiratet haben, sagte der Pastor: „Das ist eine kleine Sozialstation.“ Denn neben all der wirtschaftlichen Notwendigkeiten steht der soziale Aspekt im Vordergrund. Stammgäste kämen nachts vorbei, wenn sie der Liebeskummer plagt, sie Sorgen haben. Neben der Rolle als emotionales Auffangbecken und Seelsorger fungierte die Kneipe bereits oft als Drehort. Detlef erzählt fröhlich über „Tatort“ und die Hamburger Serie „Großstadtrevier“, in der Jan Fedders Stammkneipe die Gaststätte Dreyer war. So prominent, dass sogar eine Dame vom Finanzamt eines Tages zur Prüfung vorbeikam und durch die Serie getäuscht wurde. „Nach einiger Zeit wollte sie unsere große Küche sehen. Die hatte sie wohl in der Folge „Al Dente“ von Großstadtrevier gesehen. Ich schaute sie verdattert an. Denn unsere Küche ist in der Realität nicht viel größer als einen Quadratmeter“, sagt Detlef lachend. So verschwimmen Fiktion und Realität ein wenig.

 

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377 Uhren kleiden die Wände der Gaststätte aus. ©Karoline Gebhardt, 2022

 

Die Zeit vergessen

Detlef und Gritta haben einige Geschichten zu erzählen. Über skurrile Begegnungen und die alltäglichen Freuden, Gritta und Jan Fedders gemeinsame Schulzeit. Über wen die beiden häufig wohlwollende Worte finden sind ihre Gäste. Die haben ihnen während Corona sogar finanziell unter die Arme gegriffen. Nun können sie in der Gaststätte Dreyer bei einem frisch Gezapften die Zeit vergessen. Denn das ist der Grund für die vielen Uhren, die im gesamten Lokal verteilt sind. „377 Stück“, sagt Gritta. „Die vielen Uhren stehen hier, damit man die Zeit vergisst.“ Diese Redewendung trifft zu: Denn die Uhren zeigen alle unterschiedliche Zeiten an.

Detlef wirkt erleichtert, er und seine Frau sind ein eingespieltes Team. Und tatsächlich: Ein bisschen vergisst man die Zeit schon, wenn man es sich auf den antiken Holzmöbeln gemütlich macht, während draußen das Hamburger Schietwetter peitscht. Beim Verlassen der Kneipe sagen alle Gäste, die am Tresen sitzen, im Chor: Tschüüüs! So wie man das in Hamburg halt so macht.

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Text: Karoline Gebhardt genießt die Vielfalt der Hamburger Gastroszene und die kulturellen Gefilde der Hansestadt. Wenn das alles nichts nützt spielt sie Bass und fängt mit ihrer Analogkamera die Facetten Hamburgs ein.