Genuss-Guide

Das sind unsere Testsieger 2021/22

Mehr als 700 Restaurants haben unsere Tester unter die Lupe genommen. Schließlich steht in der Hansestadt und dem Hamburger Umland kulinarisch so einiges auf der Karte – egal, ob Fleisch, Fisch oder pflanzlich, Hauptsache kreativ! Et voilà: Diese 17 haben uns besonders vom Hocker gehauen

Testsieger Italien

Casa die Roma

Hier musiziert die italienische Küche auf einem Hochniveau-Plateau. Und das schon seit vielen Jahren. Das Casa di Roma macht in Sachen Ambiente, Service und Qualität das meiste richtig gut. Es ist sehr oft voll besetzt, bedenken Sie das also – am besten reservieren Sie vorab. Haben Sie einmal Platz genommen, stellt bald der individuelle Service die obligate Tafel der aktuellen Auswahl vor Ihnen auf einen Stuhl. So muss das sein, das ist tatsächlich im- mer noch ein gutes Zeichen. Kreidegeschrieben blicken sie uns an: die Pasta-Ideen, dann die Fische und die Fleischgerichte, von denen sich die Letzteren nach der Saison richten. Wenig ist vegetarisch, da könnte die Küche sich mal etwas einfallen lassen. Dennoch: Das startende Rindercarpaccio mit Trüffeln (18,90 Euro) ist formidabel. Die Dorade ist herrlich (24,50 Euro), die Saltimbocca (28,50 Euro) er- innert uns mit seiner ausgesuchten Würzigkeit daran, dass es auch bei einfachen Gerichten auf die Güte der Zutaten ankommt. In der Küche hier stimmt es einfach: Das Frische ist frisch, das Gebratene souverän, die Gemüse-Abstimmungen passen. Wir runden das Gelage süß ab mit Schokokuchen (11,90 Euro) und Tiramisu (7,50 Euro), freuen uns über einen guten roten Hauswein und raten leichten Herzens schwer zu dem Casa di Roma.

Feine Arrangements zeichnen die Küche aus / ©Julia Schumacher

Testsieger Griechenland

Dionysos

Liest man einschlägige Onlineportale, klingen die Bewertungen bei griechischen Restaurants oft so: „Hin da – die Portionen sind üppig, das Essen kommt schnell und Ouzo gibt’s aufs Haus. Unbedingt den Grillteller Hellas probieren.“ Das läuft hier im Dionysos etwas anders. Seit Michalis Josing vor zwanzig Jahren das 1972 von seiner Mutter mitten in Eimsbüttel eröffnete Restaurant übernahm, sucht man Gyros auf der Karte vergebens. Stattdessen dominieren Orektika die Karte. Das sind griechische Tapas. Auch die Getränkeauswahl vom Dionysos birgt Überraschungen, statt Ouzo gibt’s zur Einstimmung nämlich einen überraschend guten griechischen Crémant (8 Euro). Wir starten in den sommerlichen Abend mit warmem Pitabrot und cremigem, zart gewürzten Tsatsiki (5,6 Euro). Dazu wählen wir krachfrischen griechischen Salat mit kräftigem Feta und Olivenöl (7,5 Euro). Jetzt kommt mein erstes Highlight: saftige Souvlakispieße vom Duroc-Schwein mit kretischen Kräutern und Zitrone (9,9 Euro). „Was wollt ihr dazu trinken, Vino? Ich such mal was Schönes für Euch raus.“ Gute Idee – geht unser Wissen über griechischen Wein doch kaum über den Schlager hinaus. Es kommt eine Flasche Smaropetra von Kir Yianni. Herrlich üppig und nicht zu schwer passt der griechische Sauvignon Blanc perfekt (0,7 l 37 Euro). Zur zarten Kalbsleber mit Buttersalbei (7,90 Euro) und den Kolokithokeftedakia – frittierten Zucchinibällchen (7,50 Euro) sucht Michalis uns eine der führenden Rebsorten Griechenlands aus: einen Assyrtiko – wieder von Kir Yianni. Hell und klar im Glas mit Noten von Apfel und Zitrusfrüchten (0,7 l 34 Euro). Zeit fürs Finale auf dem Teller: zartknusprige Oktopusarme vom Grill mit einer wunderbar abgeschmeckten Oregano-Vinaigrette, gegrillter Zitrone und frischem Koriander (15,90 Euro). Malaka – war DAS gut!

Kleine Portionen, große mediterrane Küche – da dürfen Muscheln natürlich nicht fehlen / ©Julia Schumacher

Testsieger Orient & Indien

L'Orient Ottensen

Ein Tisch nahe am Straßenrand, mitten im geschäftigen Ottensen: Autos parken aus und ein, Kinder schreien, Passanten lärmen – doch das ist alles sofort vergessen, sobald das erste Vorspeisehäppchen im Mund zergeht. L’Orient Ottensen schafft es tatsächlich, eine kleine Morgenland-Zone in Altona freizuhalten. Leicht ist sie nicht, die libanesische Küche, dafür reich an sinnlichen Aromen und exotischen Gewürzen. Die Sechsergruppe der bunten Mezze (11,50 Euro) stimmt perfekt ein: Falafel, Salat, Hummus und Apfelstücke, die der bekannten heimischen Obstsorte völlig neue Seiten abgewinnen. Wie das geht? Mit Rosenwasser, Ingwer und Minze, so die freundliche Auskunft. Beim Rote-Bete-Carpaccio mit Kumquats-Chili- Kompott und gegrilltem französischem Ziegenkäse (12 Euro) kommen wir laut hörbar ins Schwärmen. Tatsächlich ist das noch steigerungsfähig: durch Maklubeh, dem Auberginen- Zimtreis-Auflauf mit Datteln, Mandeln, Rosinen, Nüssen und Granatapfelkernen auf Joghurt-Minze-Sauce, begleitet von gedünstetem Gemüse (15,90 Euro) – eine ideal aufeinander abgestimmte Komposition von herzhaften und dezent süßen Anteilen. Der Weißwein aus dem Libanon könnte nicht besser passen, er ist leicht mit einem erdigen Geschmack. Nachspeisen suchen wir auf der Karte vergebens, dennoch gibt es sie – als Überraschung spontan in der Küche kreiert: Zimteis an einem in Rosenwasser getränkten Kuchen. Ein Stück Orient für zu Hause: die unvergleichliche Gewürzmischung kann man kaufen.

Mehr Abwechslung geht nicht: Mezze nennen sich die orientalischen Köstlichkeiten, die in kleinen Portionen gereicht werden / ©Julia Schumacher

Testsieger Fisch

Jellyfish

Einer der ersten Restaurantbesuche nach dieser verstörend langen Zeit mit Lieferdiensten führt mich in die Nähe des Schanzenparks, ins Jellyfish, dem für seine exzellente Fischküche der gute Ruf vorauseilt. Stefan Fäth, gleichzeitig Küchenchef und Inhaber, hat dort in einem puristisch- trendigen und zugleich wohligem Design einen Ort des Ankommens erschaffen. Das liegt zum einen an dem ausgesprochen freundlichen Servicepersonal, das sich Zeit für den Gast nimmt und damit sofort ein authentisches Gefühl des Willkommenseins vermittelt. Zum anderen ist es die herausragende Qualität der Speisen auf der kleinen, aber sehr feinen Karte, die den Be- such im Jellyfish so bemerkenswert macht. Jedes Amuse-Bouche zeigt, zu welchen Kunstwerken die Küche fähig ist. Und die Vielzahl der Grüße klingt, als wolle man dem Gast zurufen: Probiere alles! Komm’ bald wieder! Eine deliziöse und erfrischende Sauerkrautcreme begleitet das köstliche selbst gebackene Brot. Die Weinkarte ist ausgesprochen umfangreich und hochwertig und beinhaltet erfreulicherweise auch viele deutsche Weine. Auch die Hauptgerichte sind überraschend komponiert, von exzellenter Qualität und nicht nur geschmacklich, sondern auch optisch eine Freude. Die Seezunge pochiert (42 Euro) wird serviert mit einem hauchzarten galizischen Pulpo sowie ein wenig Chorizo. Das Hamachi-Sashimi (26 Euro) überrascht mit Puffreis und Eis. Die Nachspeise Schwarzwälder Kirsch (22 Euro) klingt gewöhnlich, ist aber in ihrer Komposition und Qualität eine absolute Überraschung. Einen besseren kulinarischen Start nach dem langen Lockdown hätten wir uns nicht wünschen können.

Schick drapiert: gebackener Seeteufel nebst Jalapeños / ©Julia Schumacher

Testsieger Iberien

Portomarin

Das spanische Restaurant Portomarin in Winterhude hat nach der Corona- bedingten Pause gerade erst wieder geöffnet, als wir uns an einem Donnerstagabend auf hervorragend spanische Küche freuen. Die wird kurz nach Öffnung zunächst nur auf der Terrasse und mit eingeschränkter Karte angeboten. Das tut dem Genuss jedoch keinen Abbruch. Freundlich begrüßt und an unseren Tisch gebracht, starten wir mit dem Klassiker: Es gibt Ibérico de Bellota (26 Euro) – der Schinken wird von Inhaber Jesus liebevoll per Hand geschnitten – sowie Ceviche von Wildlachs, Kabeljau und Wildgarnele mit Süßkartoffelstreifen und Keta-Kaviar (18 Euro) und den gebratenen Baby-Calamares an Kapern und Olivenöl (15,50 Euro). Die Ceviche ist die beste, die ich je gegessen habe – die Krönung darauf sind Maiskörner, die in Verbindung mit der Limetten-Chili-Soße einen nussigen Kick geben. Das Lammfilet und Garnelen aus Wildfang an Selleriepüree und Bärlauch (31 Euro) sind gut gewürzt und außen kross – wer es medium rare mag, für den hat das Fleisch vielleicht eine Minute zu lange gegart. Krönender Abschluss ist die Crema Catalana (6,75 Euro) mit einer schön leichten, fluffigen Konsistenz. Fazit: gehobene spanische Küche mit angemessenem Preis-Leistungs-Verhältnis und sympathisch-kompetenten Gastgebern.

Leckere spanische Schweinerei aus der Küche des Portomarin: Pluma Ibérica de Bellota auf Korianderhumus, flankiert von Lavendel-Honig-Butter / ©Julia Schumacher

Testsieger Veggie & Vegan

Citta Vegan House

Ich kann von dieser rein pflanzlich asiatisch auftischenden Neueröffnung mit Außenplätzen direkt an der Osterstraße in Eimsbüttel nur schwärmen. Die Citta-Betreibenden haben sich dem aus der japanischen Kultur stammenden Konzept des Wabi-Sabi verschrieben: Unvollkommenheit wird zelebriert, je- der Macke, dinglich wie menschlich, mit freundlichem Blick begegnet. Wir finden, dass hier ganz viel Perfektion zu finden ist. Die Details zum Beispiel: Seien es kunstvoll garnierte Limonaden, Shakes und Cocktails (Udumbara 4,30 Euro, Detox Green 4,70 Euro) oder die Kristall-Lichtinstallationen und Lampenunikate aus Tausenden Halmen Stroh gefertigt. Die Speisen kommen in asymmetrisch handgetöpferter Keramik, etwa unsere Vorspeise mit dem Namen Cloudland: Seidentofu auf der Zunge zart verschmelzend mit umami Pilzsoße plus Süßekick durch Goji-Beeren (für moderate 4,50 Euro). Die Komponenten unserer großen Bowls könnten frischer nicht sein. Die Besonderheit von Yeoubi (11,90 Euro) ist das knusprig geröstete, spicy Seetang-Topping, „Wabi Sabi“ zeigt mit dem knackigen Gemüse beeindruckendes natürliches Farbenreichtum und überzeugt den Udon-Experten mir gegenüber vollends. Die Servicekräfte sind übrigens in der genau richtigen Dosis superaufmerksam und charmant. Hatte ich schon er- wähnt, dass alles vegan ist? Kein Grund, geschmacklich irgendetwas vermissen zu müssen. Nein, dieses Lokal ist eine Bereicherung für jeden gelangweilten Gaumen und verkörpert auf schicke, gleichzeitig lässige Weise das Prinzip „come as you are“.

Wer Tapas-Schalen zum gemeinsamen Essen bestellt, bekommt die veganen Köstlichkeiten auf einem Holztablett serviert – ein kleiner Garten landet so auf dem Tisch / ©Julia Schumacher

Testsieger Heimatküche

Lenz

In den Walddörfern zählt das Restaurant Lenz in Duvenstedt mit seiner regionalen, saisonalen und kreativen Küche schon längst zu den angesagten Top-Adressen. An einem sehr warmen Sommertag zieht es uns in das Restaurant von Gastronom Lenz Leslie Himmelheber, und wir nehmen bei einem Glas Crémant Rosé (8,50 Euro) Platz auf der Außenterrasse. Die liegt zwar an einem Kreisverkehr, aber wir fühlen uns hinter einer dicken Glasscheibe gut geschützt. Um uns kümmern sich gleich mehrere Servicekräfte, und alle sind so freundlich wie kompetent. Einige der Gerichte auf der Speisekarte gibt es in kleinen und großen Varianten. Und so entscheide ich mich als Vorspeise für die Pasta mit gehobeltem Sommertrüffel (16,50 Euro), die nicht zu knapp mit den Edelpilzen bedeckt ist. Zusammen mit der cremigen Konsistenz der Nudeln ein richtig guter Start in den Abend. Der krosse Schweinebauch (14,50 Euro) mit Ingwerkarotten und Soja-Sesam-Kroketten als Hauptattraktion des Abends ist ein wahrer Lecker- bissen. Die Kruste ist nicht zu fest, sodass ich das Stück sehr gut schneiden kann. Der Ingwer ist fein ausgewogen in die Karotten eingearbeitet und bringt einen Hauch von Südostasien in den Nordosten Hamburgs. So beweist das Lenz einmal mehr seine Kreativität, ohne abgehoben zu sein. Stattdessen punkten Restaurant und Team mit Bodenständigkeit und familiärer Atmosphäre. Der nächste Besuch ist hier schon fest eingeplant – kombiniert mit einem Ausflug in den Duvenstedter Brook.

Zum glücklich werden: krosser Schweinbauch mit Ingwer-Karotten und Sesamkroketten aus der Küche des Lenz / ©Julia Schumacher

Testsieger Hamburgs Norden

Zur Erholung

Dass im Wandel die Zukunft liegt, versteht man in der Gaststätte Zur Erholung in Uetersen mittlerweile in sechster Generation – und die Geschwister Anne und Bernd Ratjen haben im Lockdown nochmals gewirbelt. Lobten wir in der vergangenen Ausgabe noch das neuzeitliche Gasthaus, gehen wir beim Wiederbesuch staunend durch die guten Stuben: Das Restaurant ist in den historischen Tanzsaal umgezogen, der weite luftige Raum mit Bar ist modern gestaltet, ohne seine Geschichte zu verleugnen. Im neu angelegten, lauschigen Hinterhof „Bernies Backyard“ lädt der Chef zum BBQ mit Biofleisch, Burgern und guter Musik – an diesem schönen Sommerabend wird hier auch à la carte und Menü serviert (drei bis fünf Gänge, klassisch 49–81 Euro). Eines ist ganz selbstverständlich vegetarisch (41–64 Euro), mit Zucchini und Fenchel, hauchfein gehobelt mit Zitronen-Basilikum als Carpaccio zum Auftakt, später geraten verlorenes Ei, zweierlei Spinat und krosse Zwiebeln zur göttlichen Speise. Und während in der nahen Großstadt bereits das verletzungsfreie Öffnen von Austern als kulinarische Großtat beklatscht wird, kommt hier Makrelenfilet, kross und saftig auf der Haut gebraten, mit weißen Rübchen und einer samtigen Creme von Mirabelle und Möhre auf den Tisch. Die Küche des zertifizierten Bioland-Gold-Restaurants vertraut auf regionale Produkte und die eigene Kreativität, Chef Bernd Ratjen hat sich zudem Verstärkung in die Küche geholt. Neu ist auch der Wein- und Hofladen (Di–Sa 10–18 Uhr), in dem Gastgeberin Anne Ratjen nicht nur die Schätze ihrer Weinkarte anbietet. Hier gibt es auch Hausgemachtes und ein schlaraffisches Sortiment an Köstlichkeiten von Partnerbetrieben der Regionalwert AG Hamburg – Genussverlängerung für zu Hause, die in Teilen auch online bestellt werden kann. Wir sind begeistert: Die Erholung ist auf der Höhe der Zeit und jede Landpartie wert!

Vegane Erholung nennt sich dieser Antipasti-Teller mit Wildkräutern / ©Julia Schumacher

Testsieger Hamburgs Süden

Seabreeze

Der Testsieger von 2019 gilt auch nach dem Weggang des „Soßengotts“ Jens Rittmeyer durchaus als Titelaspirant. Im historischen Backstein-Gewölbekeller präsentiert der Chefkoch eine kleine übersichtliche Karte mit je drei drei Vorspeisen, Hauptgängen und Desserts sowie einer Tagesempfehlung. Der äußerst aufmerksame Service unterstreicht das private Ambiente und Möwengeschrei lässt selbst in Buxtehude maritime Stimmung aufkommen. Zum absoluten Highlight des Abends küren wir die Vorspeise: Das Rindercarpaccio mit Soja-Nussbutter-Vinaigrette, Lauch, Eigelb, weißem Sesamöl und Sommertrüffeln (17 Euro) ist eine sehr geschmackvolle Komposition und übertrifft alle bisherigen Carpaccio-Erlebnisse. Als Hauptspeise wird der etwas kleinere Zander auf der Haut gebraten, auf Perlgraupen gebettet und mit und bunter Bete und Haselnuss-Limetten-Soße angerichtet (29 Euro). Das zartrosa gebratene Kalbskotelett (36 Euro) zergeht auf der Zunge. Die Beilagen-Komposition aus Pfifferlingen, dicken Bohnen und Kartoffel-Lauch-Creme verfeinert mit Bohnenkrautjus passt perfekt zum Holsteiner Kalb. Beim Dessert gibt es noch mal einen Hochgenuss: Die halbgefrorene Passionsfruchtcreme mit frischen Kokosscheibchen, Brocken von weißer Schokolade und Basilikum (12 Euro) überzeugt allein schon durch die Kombination. Auf der anderen Tischseite ist die Erdbeer- und Rhabarbergrütze mit Buttermilch, Baiser und Zitronenverbene (11 Euro) geschmacklich dagegen nicht ganz so einfallsreich. Alles in allem ist es auch dieses Mal wieder ein sehr gelungener Auftritt des ehemaligen Testsiegers!

Geht es um Fisch, macht dem Team vom Seabreeze keiner was vor / ©Julia Schumacher

Testsieger Frankreich

Brasserie Tortue

Ist es gerecht, ein als „Brasserie“ bezeichnetes Hamburger Hotelrestaurant mit einem 1880 gegründeten Pariser Original zu vergleichen? Auf jeden Fall: Wenn man derart ambitioniert dem altfranzösischen „Brauhaus“ Brasserie Lipp im Quartier Latin nacheifert wie das Neustadt-Palais-Hotel Tortue, muss man sich nicht wundern, wenn auch wir Tester die Latte entsprechend hoch hängen. Fazit vorneweg: Obwohl hier im beschwingt-superaufmerksamen Service nur eine einzige Französin arbeitet, die Gäste lieber Wein als die beiden ausgeschenkten Franko-Biersorten trinken und die Speisen teilweise deutlich teurer sind als in hochpreisigen Pariser Brasserien – insgesamt lassen wir das Restaurant gern als den besten Hort der bourgeoisen französischen Esskultur hochleben, den wir in der Hansestadt kennen. Man sitzt bequem wie schummrig beleuchtet drinnen (teilweise mit Plexi-Corona-Trennwänden) oder luftig auf der Patio-Terrasse in einer bis ins Detail perfekt nachgebauten Brasserie-Kulisse und speist fast wie Gott in Frankreich. Bis auf das schon etwas angetrocknete Brot zur als Bonbon verpackten Charentes-Poitou-Demi-Sel-Butter, das wir mit unseren Lillet-Aperitifs Le Pont Royal und Negroni (19,50/15 Euro) herunterspülen, wird uns ausschließlich allerfeinste französische Feinschmeckerei serviert: Der hälftig in Mie de pain gebackene und sauer rohmarinierte Blumenkohl mit Haselnuss und erfrischender Pistou ebenso wie die himmlisch auf der Zunge schmelzende Foie gras von der Ente mit fermentiertem Bergpfeffer, Röst-Brioche und mürb- süßer Trockenfrüchtecreme (17/26 Euro). Sie gehören eben- so wie unsere opulenten Hauptspeisen zu den Flagships einer jeden guten Brasserie. So sind die Kalbswürfel des süffig-cremigen Frikassee de Veau mit einem fluffigen Püree aus dem Lehrbuch ebenso perfekt gegart wie die Edel- fisch-Einlage meiner Bouillabaisse (je 32 Euro) mit Krustentierfond, der die Küche zusätzlich butterzarte Scheiben von Pulpo und Jakobsmuschel sowie ein paar Riesengarnelen spendiert hat. Beides wird stilvoll in Original-Staub- Cocottes serviert, mit deren Deckel allein man Hanteltraining machen könnte. Wir begleiten das Menü mit passenden Franzosen von Chablis über Sancerre bis zum süßen Sauternes aus der großen Glas-Auswahl (8–19,50 Euro) und bemerken erst später im Bettchen, dass angesichts dieser Kalorienbombennacht das feine, aber nicht ganz so leichte Holler-Himbeer-Dessert (10 Euro) ein kleines „r“ in diese Erzählung eingeschmuggelt hat: Selber schuld, wer freiwillig vom Gourmet zum Gourmand mutiert und aus der Tortue eine Torture werden lässt.

Farbenfroh, filigran angerichtet und fein abgeschmeckt: Gnocchi mit grünem Spargel und sautierten Pfifferlingen / ©Julia Schumacher

Testsieger Asien

Zipang

Er gehört zu den stillen Stars und ist doch einer der besten japanischen Köche, die wir haben: Tos- hiharu Minami kombiniert den klassischen Ka- non seiner Heimatküche mit kreativen Ideen und modernen Interpretationen. Japanisch-europäische Fusion, sein Stil ist einzigartig in Hamburg. Mittags gibt es hier günstige Lunch-Menüs, klassische Donburi-Reisschalen und Hausmannsgerichte von bester Qualität, die sich nicht nur in der japanischen Community größter Beliebtheit er- freuen. Abends passiert die Magie! Dann wandelt sich das elegant minimalistisch gestaltete Zipang (nicht verwechseln mit der gleichnamigen Ramen- Bar!) am Eppendorfer Weg in ein Fine-Dining-Restaurant. Das Menü (fünf Gänge: 58 Euro, sieben Gänge: 76 Euro) ist eine bunte Reise durch japanische Geschmackswelten, in vielen Köstlichkeiten. Los geht es mit Chawanmushi, der japanische Eierstich wird lauwarm serviert, getoppt mit fleischigen Nordseekrabben im erfrischend kühlen Wasabi-Sud. Ein Glas Champagner dazu (Weinbegleitung 32–42 Euro)! Im „Vorspeisenkorb“ sechs kalt-warme Miniaturen, darunter Hijiki-Edamame-Salat, Lachs im süßsauren Brathering-Style (!), in Shoyu geschmorter Thun, zarte Tofubällchen in fruchtig-pikanter Soße. Sterneverdächtig sind Kompositionen wie der perfekt gegarte Loup de Mer mit Venusmuscheln, grünem Spargel und konfierten Tomaten in zitronigen Yuzu-Dashi-Sud – kombiniert mit einem Glas Silvaner Alte Rebe vom rheinhessischen Bio- Weingut Sander. Das rosa gebratene Kalbsfilet mit knuspriger Schwarzwurzel-Tempura umschmeichelt eine hellcremige Miso-Soße mit der feinen Schärfe vom Arima-Sansho-Pfeffer – die rare ja- panische Pfefferfrucht wurde von Slowfood in die „Arche des Geschmacks“ aufgenommen, ein Projekt, das eigenen Angaben zufolge unter anderem „weltweit regional bedeutsame Lebensmittel“ schützt. Mit einem Sushi-Gang „Chef ’s Choice“ erfüllt der Meisterkoch auch die Erwartungen seiner Gäste. Ein Highlight ist an diesem Abend das seltene Steinbutt-Nigiri mit Shiso. Der kühle Sake dazu wird im Weinglas serviert und entfaltet so sein blumig-komplexes Bouquet in Perfektion. Samtiges Pfirsicheis zum Finale, mit einem Windbeutel aus Kinako-Sojabohnenmehl, gefüllt mit vanillesatter Creme. Und kurz ist dann auch To- shiharu Minami selbst zu sehen, mit einer angedeuteten Verbeugung dankt er für unseren Besuch. Dabei sind wir es, die zu danken haben!

Geht‘s um Fisch, werden im Zipang alle Register der asiatischen Küche gezogen / ©Julia Schumacher

Testsieger International

Hygge Brasserie & Bar

Spoiler-Alarm: Wer in diesem Jahr nicht in den Urlaub fahren kann, aber dringend eine Auszeit vom Alltag benötigt, muss nicht viel weiter als ins Hygge nach Groß Flottbek fahren. Kaum hat man nach freundlich-lockerem Empfang den heimeligen Speisesaal durchkreuzt, um einen Platz im lauschigen Sommergarten einzunehmen, verblasst der stressige Arbeitstag bereits merklich. Das gelungen umgesetzte Konzept skandinavischer Reduktion verschafft den Sinnen neben Erholung umgehend mehr Raum zur Entfaltung, was angesichts der hier gebotenen Küchenkunst absolut von Vorteil ist. Bereits die Vorspeise Gurke Rocky (12 Euro) überzeugt mit intensivem Geschmack und stammt zudem, wie der überwiegende Teil der verwendeten Zutaten, von der hauseigenen Farm. Dem aufmerksamen Team gelingt es im Handumdrehen, dass man sich wie bei Freunden fühlt, deren Begeisterung für Essen und Wein absolut ansteckend ist. Im Hauptgang reißen uns das zarte Wiener Kalbsschnitzel (25 Euro) genauso wie der auf der Haut gebratene Adlerfisch auf Bouillabaisse Risotto (27 Euro) zu Lobeshymnen hin – ich wüsste nicht, wie es besser gehen soll. Die Waldmeister- Crème brûlée (12 Euro) als Nachspeise rundet den grandiosen Gesamteindruck ab. Der südafrikanische Hygge Rosé Hauswein ist so gut, dass wir den ganzen Abend dabei bleiben und uns die umfangreiche und sorgsam kompilierte Wein- und Cocktailkarte beim nächsten Besuch genauer ansehen.

Mit regionalen Zutaten, aber ohne Chichi: Das Hygge besticht mit frischer und eleganter Küche / ©Julia Schumacher

Testsieger Fleisch

Theo's

Manchmal muss es einfach Fleisch sein. So wie heute. Wir haben einen Tisch im Theo’s gebucht. Das mondän eingerichtete Restaurant im Grand Hotel Elysée ist schließlich bekannt für seine grandiosen Steaks. Bei der Reservierung können wir leider nur zwischen zwei festen Slots wählen (18.30 Uhr und 20.30 Uhr), die Terrasse ist an diesem warmen Sommerabend sogar schon ausgebucht. Schade. Bleibt aber der einzige Wermutstropfen heute. Die Begrüßung ist herzlich, Corona-Maßnahmen werden hier konsequent, aber unaufgeregt umgesetzt. Der als Vorspeise georderte Caesar Salad (12 Euro) wird an unserem Tisch auf Eis zubereitet und ist köstlich. Der Massachusetts Lobster auf geschmolzenem Sellerie und Hummerbutterschaum (19 Euro) macht ebenfalls Lust auf mehr. Also ran ans Porterhouse! Das Stück vom US-Prime-Beef suchen wir uns selbst aus. Und lassen uns nicht lumpen – 850 Gramm dürfen es für uns drei schon sein. Pro 100 Gramm werden 14 Euro fällig. Teilen ist im Theo’s ausdrücklich erwünscht, und so schrumpft das in heißer Butter angerichtete Steak Stück für Stück, während unser sattes Grinsen immer breiter wird. Zum unfassbar leckeren Dry Aged gönnen wir uns French Fries sowie getrüffeltes Kartoffelpüree und graben uns durch die Beilagen. Die werden zeitgleich aus allen Richtungen an unseren Tisch getragen. Wir lassen uns Spargel, Möhren in Thymianhonig und Pfifferlinge schmecken. Alles ist auf den Punkt gegart und megalecker. Auch die Weinempfehlung passt prima. Der zügige und kompetente Service überzeugt uns ebenso wie das Ambiente, das uns gefühlt in eine amerikanische Metropole versetzt. Fürs Dessert ist kein Platz mehr, das probieren wir dann beim nächsten Besuch. Den wird es ganz sicher geben. Denn manchmal muss es eben Fleisch sein. Gutes natürlich!

Im Theo’s können sie nicht nur Beef: Lobster auf Hummerbutter- schaum macht ordentlich was her / ©Julia Schumacher

Testsieger Szene-Läden

Lieger Caesar

Lieger Caesar, der Name lässt einen erst mal an römische Speisesofas denken. Aber wir sind ja in Hamburg, und hier ist ein Lieger – korrekt ausgedrückt – eine schwimmende Anlage ohne eigenen Antrieb. 1902 als nahezu unsinkbare Werkstatt konzipiert, hätte ihm dennoch die Verschrottung gedroht, wenn nicht der Hamburger Hafen Lieger Verbund e. V. die Eintragung als Kulturdenkmal errungen hätte. Selbst einen Nagel darf man nicht ohne Weiteres in die Wände hauen, dafür schmeichelt der Charme vergangener Hafenzeiten dem Ambiente des Innenraums. Seit Mai 2021 ist Steve Förster der Betreiber, der einigen sicher vom Cateringservice Gorilla hier & da bekannt ist. Mit der wöchentlich wechselnden Karte beweist er auch hier, das höchstes Niveau an den Tag gelegt wird: fünf bis sechs Gerichte, mit saisonal und regional bezogenen Zu- taten reichen aus, um jeden Gast glücklich zu machen. Hätte uns der Sinn nur nach einer Kleinigkeit gestanden, wäre das Beeftatar, handgeschnitten vom Angus-Rinderfilet und mit confiertem Eigelb (16,50 Euro) perfekt gewesen. Das ebenfalls wöchentlich neu komponierte Fischbrötchen – in dieser Woche mit gebratener Bachforelle, gegrilltem Scamorza, Zwiebelmarmelade und Zitronenrettich (11 Euro) – würde jedoch ohne Frage als Hauptgericht durchgehen. Für das Fischbrötchen müssen wir ein andermal wiederkommen, denn wer könnte schon diesen Gerichten widerstehen: Das vegane Grünkernrisotto mit in fermentiertem Chili geschmortem Pak Choi, Walnüssen und gebratenen Austernpilzen (17 Euro) ist so fein, so hübsch angerichtet, so wunderbar gut – und auch an einem heißen Tage eine herrlich leichte Mittagsmahlzeit. Und wer dachte, bei der auf der Haut gebratenen Bio-Bachforelle mit Erbsenpüree, frischen Erbsen, Blutampfer sowie eingemachtem und gegrilltem Fenchel (22 Euro) wäre die Bachforelle das Highlight ... Nun ja, die Forelle ist ausgezeichnet, aber dieses Erbsenpüree! Schlagartig lösen sich sämtliche Kindheitstraumata, die Prinzessin auf der Erbse kam wohl niemals in den Genuss frisch gepflückter Exemplare. Koch Patrick verrät uns auf Nachfrage sogar sein Rezept – ich tue das hier nicht, das sollte man schon selbst erleben. Abschließend sei noch gesagt, dass auch die Dessert- und Kuchenauswahl sowie hausgemachte Limos, Drinks und ein kleiner Shop mit regionalen Produkten immer einen Abstecher in die HafenCity wert sind.

Fischbrötchen in der De-luxe-Version sind eine Spezialität des Hauses / ©Julia Schumacher

Testsieger Gourmet

Cornelia Poletto

„Das Serviceteam ist außergewöhnlich jung“, bemerke ich. Die Liebste nickt. „Oder bin ich einfach alt?“, schiebe ich nach. Die Liebste nickt nachdrücklich. Gut, dass die Getränke kommen. Der Poletto-Cocktail (9 Euro) erfrischt mit Bitternoten und hausgemachtem Orangensud. Er passt mit Leichtigkeit zum italienischen Sommerabend, den wir auf der hübsch gestalteten Promenade des Eckrestaurants erleben. Hier ist was los in Eppendorf, es gibt viel zu sehen! Hauptattraktion sind aber schnell die Teller, ein Reigen blumiger Kunststücke – luftige Kompositionen, elegant angerichtet, wunderschön: hauchzart gewickelte Zucchinistreifen umschmeicheln eine cremig gefüllte Zucchiniblüte, dazu geröstete Zucchini, der tiefe, grasgrüne Kräutersud führt alles zusammen. Dem Menüauftakt (drei Gänge 69 Euro, fünf Gänge 150 Euro, acht Gänge 164 Euro) folgen samtzarte Scheiben vom geflämmten Hamachi-Fisch, als Ceviche kombiniert mit gebackenen Kapern und Pimientos, ein Spiel mit Süße, Säure, Schärfe – grandios! Der zitronenduftige King-Crab-Salat mit warmen Spargelspitzen, Enoki-Pilzen, Blüten, Croutons und Erbsensprossen spielt dann bereits in der Kategorie Gottesbeweis. Handgemachte Tortelli balgen sich, reich getrüffelt, mit saftigem Spinat. Alles kommt unverkopft daher und ist doch in jedem Detail durchdacht, handwerklich tadellos, dabei erfreulich nachvollziehbar. Von der Extrakarte zum zehnten Geburtstag desRestaurants – herzlichen Glückwunsch! – lässt es sich ebenfalls herrlich schlemmen: Zehn Klassiker gibt es in Vorspeisengröße (je 10 Euro), auch zum Teilen oder als Menü (80 Euro). Wir probieren cremiges Vitello tonnato und die besten Calamaretti fritti ever: knusprig und zart, der luftige Teig erinnert an japanisches Tempura. Die gegrillten Artischockenböden mit Fromage blanc von der Ziege und süßen Himbeeren begeistern in konzentrierter Kombination mit Blüten und Kräutern. Alles ist so leicht und wohltuend, dass wir uns unbeschwert auch noch auf den Cherry-Cheesecake „10 Anni“ freuen können: ein Crowd- Pleaser aus Creme, Crunch und Kirschen, zum Weglöffeln gut. Der Service agiert dazu mit dem schwungvollen Elan der Jugend, fröhlich und charmant. Derweil stellen wir beim letzten Glas Wein erstaunt fest, dass wir ein neues, altes Lieblingsrestaurant gefunden haben. Verraten wir aber niemandem!

Fast zu schön, um gegessen zu werden: Hamachi – Gelbflossen- Thunfisch mit Granny Smith Apfel, Green Shiso und Algenkaviar / ©Julia Schumacher

Testsieger Hamburgs Osten

EinStückLand Esszimmer

Wir sind noch nicht von den Rädern abgestiegen, da werden wir schon quer über die Terrasse mit einem ziemlich lustigen Spruch be- grüßt. Gute Laune herrscht dann auch gleich am Tisch. Das liegt neben dem Team am Ambiente. Die Terrasse ist modern in Holz und Anthrazit gehalten, ein urbanes Fleckchen mitten in der Pampa. Im Hintergrund meckern Ziegen, Trecker mit gigantischen Strohballen tuckern vorbei. Wir bestellen à la carte als zwei Drei-Gänge-Menüs (je 55 Euro) – auch als Vier-Gänge- (70 Euro) oder Fünf-Gänge-Menü (95 Euro) möglich. Los geht’s mit einem Spinatknödel mit Zwiebelmarmelade als Gruß aus der Küche. Der Knödel hat ein schönes Spinataroma. Die Zwiebelmarmelade ist würzig-süß, die Zwiebelstücke sorgen mit den Spinatblättern für ein gutes Mundgefühl. Es geht frischstmöglich weiter mit Wildkräutersalat, Senfvinaigrette, gerösteten Kernen und Gurkenkaltschale mit Nordseekrabben. Zwischengang: Tatar vom Galloway-Rind mit gebeiztem Eigelb, geröstetem Brot und Kräutern. Die Marinade kommt gut zur Geltung, ohne den Geschmack des zuvor artgerecht gehaltenen Galloways zu überdecken. Der Bentheimer Bauch an Rahmkraut und Pommes Macaire beweist, dass Fett der beste Geschmacksträger ist. Die Kruste des Schweinebrauchs ist kross wie aus dem Krustenbilderbuch, erfordert aber durchaus solides Beißwerkzeug. Scholle aus der Nordsee mit Kartoffel-Specksalat bringt Meeresfrische in die Landluft. Das Galloway – es gibt Steak mit Markkarotten, Spitzkohl, Sauce béarnaise, Jus samt Schälchen selbst gemachten Steakpfeffers – ist für die gute Sache gestorben. Hier wird alles vom Tier verwertet. Was nicht auf den Tisch kommt, kommt in den Hofladen.

Restaurantleiter Andreas Rexin, Kollege Marcel Gähler und die Inhaber Lina-Louisa Kypke und Hinrich Carstensen (v. l.) / ©Julia Schumacher

Testsieger Lüneburg

Röhms Deli

„Es gibt keinen Ersatz für Klasse!“, sagt der in seiner Karriere zweimal mit einem Stern im Guide Michelin ausgezeichnete Koch, Gastronom und Hotelier Michael Röhm (55) in einem Selbstporträt. Nach dem Heidkrug (bis 2014) beglückt Röhm seine Gäste mittlerweile im Lüneburger Röhms Deli, einer Mischung aus Restaurant, Café und Delikatessenshop. Und der Lüneburger Sternekoch und FC St. Pauli-Fan beglückt uns schon, bevor wir los- gelegt haben. Denn auf den Gläsern unseres Aperitifs finden wir angemessen groß den Schriftzug „Kein Wein den Faschisten“. Die- se Symbiose aus gehobenem Ambiente und klarer Haltung ist sehr wohltuend. Mit „sehr wohltuend“ stark untertrieben beschrieben ist das, was uns Röhm danach auf der Terrasse seines im Inneren unangestrengt stilvoll eingerichteten Restaurants kredenzt. Die acht Wildwassergarnelen mit Knoblauch, schön milden Peperoni und Aioli baden perfekt gewürzt in der richtigen Menge Öl (12 Euro). Auf dem geflämmten Hamachi mit putzig- fruchtigen Wassermelonenkügelchen und Wasabi-Kaviar (16 Euro) sorgt eine kräftige, asiatisch anmutende Soße für einen herrlichen Kontrast zum süßen Salzwasserfisch. Das mächtige Paillard (24,80 Euro), ein sehr dünn plattiertes Stück Rindfleisch, profitiert pfeffrig gewürzt von Steinpilzen, Pfifferlingen und Kartoffelspalten mit Schale und Salznote in besonderem Maße. Der Kabeljau (24,80 Euro) – mild, zart, salzig, eins a – versinkt zu einem Drittel in einem Chorizo-Risotto, für das Tim Mälzer einst den Begriff „schlotzig“ prägte. Sämig-cremig und mit Biss – große Klasse! Das Erdnuss-Valrhona-Schoko-Törtchen (4,50 Euro) als cremig-süße-Verführung und die Fromage-Blanc-Tarte (3,50 Euro) für kalorienbewusste Genießer runden den Abend auf Guide-Michelin-Niveau ab. „Michi, bitte nie abgeben“ lautet ein Spruch von Röhms Mitarbeitern auf einem kleinen Bild im Restaurant. Darauf zu sehen: Kochlöffel! Sie haben recht. Kochen Sie immer weiter, Michael Röhm. Und werden Sie bitte 120 Jahre alt!

In Röhms Deli kommt der Ikarimi Lachs kalt geräuchert auf den Teller / ©Julia Schumacher