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Vogelgrippe

Geflügelpest: Ist die Weihnachtsgans in Gefahr?

Deutschland, vor allem Nord- und Ostdeutschland, ist stark von der Geflügelpest betroffen. Seit Ende Oktober gilt in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein Stallpflicht für Geflügel, zahlreiche Betriebe mussten bereits ihre Tiere schlachten. Was zunächst nach einer reinen Vorsichtsmaßnahme klingt, hat längst Auswirkungen auf Gastronomien in der Hansestadt

29. November 2025 von Alice von der Laden

Kein Freigang für Gänse: Seit Ende Oktober besteht in Deutschland Stallpflicht für Geflügel / ©Unsplash / Kateryna Shevchenko
Kein Freigang für Gänse: Seit Ende Oktober besteht in Deutschland Stallpflicht für Geflügel / ©Unsplash / Kateryna Shevchenko

Mehr als eine Million Tiere sind bundesweit von der Geflügelpest betroffen. Dutzende Ausbrüche wurden vom Friedrich-Loeffler-Institut seit dem 1. November registriert, davon allein fast fünfzig in Hamburg. Aufgrund des erhöhten Ansteckungs- und Verbreitungsrisikos von Aviärer Influenza gilt seit Ende Oktober eine deutschlandweite Stallpflicht für Geflügelbetriebe. Bei einigen Betrieben ist es jedoch schon zu spät. Auf dem Geflügelhof Hemme in Rhade zum Beispiel: In dem Betrieb im Landkreis Rotenburg hat sich die Vogelgrippe ausgebreitet und alle Tiere mussten geschlachtet werden.

Seuchenprävention und stockende Lieferketten 

Strikte Auflagen – keine Geflügelausstellungen, keine Märkte mit lebendem Federvieh und vor allem die Stallhaltung – sollen größere Ausbrüche von Geflügelpest künftig verhindern. Während Biologen und Veterinäre von Seuchenprävention sprechen, rechnen Gastronomen bereits anders: Was bedeutet es, wenn Lieferketten ins Stocken geraten? Wenn Preise für Geflügelfleisch steigen? Wenn die Gäste verunsichert sind und die Entenbrust auf der Speisekarte plötzlich Fragen aufwirft?

Der selbst ernannte Duckman Lenz Leslie Himmelheber hat schon mit den Folgen der Vogelgrippe zu kämpfen. Der Bauer, bei dem Himmelheber seine Enten kauft, musste seinen kompletten Bestand keulen. „Als Duckman habe ich Geflügel in bester Qualität“, betont er. Von unterschiedlichen Betrieben habe er in den letzten Wochen Enten eingekauft, doch die Qualität unterscheidet sich immens. Letztendlich hat er einen Betrieb gefunden, dessen Geflügel seine Ansprüche erfüllt. „Ich werde keine Kompromisse eingehen“, verspricht er. Ob es in seinem Restaurant Lenz rund um Weihnachten noch Enten geben wird? „Ja“, verspricht der Gastronom, „Aber wir setzen im Weihnachtsmenü zusätzlich auf Wild.“

Der Markt ist leergefegt

Katja Nielsen, Restaurant Rexrodt

Katja Nielsen vom Restaurant Rexrodt betont ebenfalls: „Der Markt ist leergefegt.“ Jeden Winter bietet das französische Bistro auf der Uhlenhorst Enten- und Gänsegerichte an. An passende Produkte zu kommen, ist jedoch schwer. „Wir haben eigentlich immer Gänse aus der Heide. Doch der Hof musste alles keulen“, so die Gastronomin. Das Interesse unter den Gästen passt jedoch zu dem geringen Angebot: In den letzten Wochen konnte sie bereits feststellen, dass die Nachfrage nach Enten und Gänsen sehr verhalten ist.

Immer wieder liest man von Fällen im Umland von Hamburg, in denen die hochansteckende Geflügelpest in Betrieben ausgebrochen ist und damit einhergehend alle Tiere geschlachtet und vernichtet werden müssen. Dabei sei Letzteres gar nicht nötig: „Das Virus ist hitzeempfindlich. Daher ist der Konsum von vollständig durcherhitztem Fleisch und vollständig durcherhitzten Eiern von mit Aviärer Influenza befallenen Tieren für die menschliche Gesundheit nach aktuellem Stand unbedenklich“, erklärt der Verbraucherschutz Hamburg. Demnach müssten infizierte Tiere zwar geschlachtet werden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, doch sei dieses Fleisch nach Aussage des Verbraucherschutzes dennoch zum Verzehr geeignet. „Wie kann es sein, dass Tausende Tiere getötet werden, wenn sie noch gegessen werden könnten?“, kritisiert Lenz Leslie Himmelheber, der Umsatzeinbußen in den kommenden Wochen befürchtet.

Ist die Entsorgung wirklich notwendig? 

Auch in der Hobenköök von Thomas Sampl steht Geflügel aus Norddeutschland auf dem Speiseplan. Um die Weihnachtsgans seiner Kundinnen und Kunden zu sichern, hat Sampl gemeinsam mit seinem Bauern entschieden, schon jetzt alle Gänse zu schlachten und bis Ende Dezember eingefroren zu lagern. In einem Video auf Instagram erzählt er von dem Fall, dass auch ein anderer Landwirt so vorgehen wollte, nun allerdings bei seinen lebenden Tieren das Virus ausgebrochen sei und „dass die Veterinäre des Landkreises Harburg nicht nur die lebenden Tiere haben töten lassen, sondern auch die gefrorenen Gänse haben vernichten lassen“. Auf Nachfrage beim Landkreis Harburg wird erklärt: „Wir denken uns diese Regelungen nicht aus, es handelt sich nicht um Regelungen des Landkreises, sondern um einheitliche gesetzliche Vorgaben, die wir anwenden müssen und die etwa von der Geflügelpestverordnung des Bundes beziehungsweise EU-Vorgaben festgelegt sind.“ Fleisch von betroffenen Höfen darf zunächst nicht verkauft werden, allerdings gibt es Ausnahmeregelungen, so Pressesprecher Bernhard Frosdorfer: „Für eine Ausnahmegenehmigung wäre eine Risikobeurteilung im Einzelfall nötig. Eine strikte Trennung von Haltungsbetrieb und Schlachtbetrieb ist dringend zu empfehlen.“

Im Fall von Thomas Sampl, der seine Tiere von einem Hof bezieht, der sich in der Schutzzone (Drei-Kilometer-Radius eines betroffenen Betriebs) oder in der Überwachungszone (Zehn-Kilometer-Radius) befindet, kann das Fleisch weiterhin geliefert werden – wenn bestimmte Bedingungen erfüllt werden:

Geflügelbetrieb in der Schutzzone

– Der Betrieb stellt einen Antrag auf Ausnahmegenehmigung beim Landkreis Harburg für das Verbringen von Geflügelfleisch aus einer Schutzzone, mit Angabe, wohin das Fleisch gehen soll.
– Amtliche Tierärzte kontrollieren den Betrieb vor Ort.
– Der aufnehmende Landkreis (hier wohl Hamburg)  und der Bestimmungsbetrieb (Gastronomie oder fleischverarbeitender Betrieb) müssen dem Antrag zustimmen.
– Eine Genehmigung mit Regeln wird erteilt.  

Geflügelbetrieb in der Überwachungszone

– Der Betrieb stellt einen Antrag auf Ausnahmegenehmigung beim Landkreis Harburg für das Verbringen von Geflügelfleisch aus einer Überwachungszone, mit Angabe, wohin das Fleisch gehen soll.
– Amtliche Tierärzte kontrollieren den Betrieb vor Ort.
– Der aufnehmende Landkreis (hier wohl Hamburg)  und der Bestimmungsbetrieb (Gastronomie oder fleischverarbeitender Betrieb) müssen dem Antrag zustimmen.
– Eine Genehmigung mit Regeln wird erteilt. 

Frank Brüdigams macht sich hingegen keine Sorgen. Der Gastronom, der lange Zeit das Brüdigams am Eppendorfer Weg geführt hat, sich inzwischen aber nur noch auf sein zweites Restaurant Brüdigams Wildwechsel in Kaaks konzentriert, merkt kaum Veränderung bei den Gästen. „Die Leute essen es nach wie vor“, so der Koch. Zwar muss auch er etwas genauer planen, doch da Gans in Brüdigams Wildwechsel nur auf Vorbestellung gegessen werden kann, ist das für ihn kein Problem. Der Gastronom bezieht seine Gänse zum Teil von einem Hof nur wenige Minuten entfernt von seinem Restaurant, zum Teil aber auch vom FrischeParadies.

Rechtzeitige Vorbestellung oder Alternativen 

Alle, die an Weihnachten nicht auf ihre Gans oder Ente verzichten wollen, sei geraten, jetzt schon vorzubestellen. „Enten und Puten aus Bodenhaltung sowie Enten- und Gänseteile sind nach heutigem Stand lieferbar. Da wir die aktuellen Entwicklungen natürlich nicht voraussehen können, empfehlen wir Ihnen, dass Sie sich jetzt schon mit unserem Angebot für Weihnachten versorgen und das Geflügel einfrieren“, heißt es auf der Seite des Geflügelhof Schönecke. „Gänse und Freilandenten werden wir in diesem Jahr kaum noch anbieten können (…). Wir erwarten, dass sich das geringe Angebot deutlich auf die Preise auswirken wird. Eine sehr schöne Alternative sind Enten und Puten aus Bodenhaltung.“ 

Wer gut plant, kann auch in diesem Jahr rund um Weihnachten Gans essen / ©Svea Abraham
Wer gut plant, kann auch in diesem Jahr rund um Weihnachten Gans essen / ©Svea Abraham
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Von einfacher Currywurst bis detailverliebtes Sushi, Alice von der Laden liebt die kulinarische Auswahl Hamburgs. Wenn sie sich nicht gerade durch die Gastro-Perlen der Stadt schlemmt, trinkt sie Astra in ihrer Stammkneipe.