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Zora Klipp

„Und die Leute wundern sich, warum sie keine Azubis finden“

Über Familienwerte und Gleichberechtigung in der Gastronomie

Als letztes Jahr pandemiebedingt ein Großteil ihrer Jobs wegbrach, fasste die Köchin Zora Klipp einen Entschluss: Zusammen mit ihrer Schwester eröffnete sie ein Café in Eimsbüttel. Wir haben mit ihr über falsche Vorstellungen von der Selbstständigkeit, über Familienzusammenhalt und Gleichberechtigung in der Gastronomie gesprochen

Zora Klipp wurde mit ihrer Sendung „Koch ma!“, in der sie gemeinsam mit prominenten Gästen im Kliemannsland, einem Kreativprojekt des YouTubers Fynn Kliemann, den Kochlöffel schwang, deutschlandweit bekannt. Seit 2019 tritt sie bei der NDR-Sendung „Mein Nachmittag“ mit Rezeptideen vor die Kamera und hat mittlerweile auch zwei Bücher veröffentlicht. Ihr Café Weidenkantine eröffnete sie kurz vor dem zweiten Lockdown im Oktober 2020.

Zora, kam es zwischen dir und deinen Mitarbeitern schon zu schwierigen Situationen?
Zora Klipp: Nee, tatsächlich nicht. Wir haben aber auch regelmäßig Feedbackgespräche. Ich glaube, das ist relativ untypisch für so ein kleines Café wie die Weidenkantine. Wir sprechen mit unseren Mitarbeitern regelmäßig darüber, wie es ihnen geht oder ob sie etwas verändern möchten. Insbesondere der zweite Koch und ich müssen da viel miteinander kommunizieren, weil die Küche sehr sehr klein ist und es bei uns stressig werden kann − das muss einfach funktionieren.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit deiner Schwester?
Es ist Fluch und Segen zugleich, dass wir Schwestern sind, weil wir miteinander anders umgehen, als mit Fremden. Diese familiäre Atmosphäre, die hier automatisch herrscht, überträgt sich auch auf unsere Mitarbeiter. Differenzen klären wir daher so schnell möglich. Nie vor den Mitarbeitern, dafür gehen wir in den Keller. Danach ist die Luft wieder rein.

Was unterscheidet euch?
Ronja ist viel viel ruhiger und organisierter als ich. Wenn man uns mit zwei Schubladen vergleicht, dann ist bei mir alles zerknäuelt und voller Krümel und bei meiner Schwester ist alles sortiert und gut abgelegt.

Euer Café ist noch nicht gewinnbringend. Wie finanziert ihr euch aktuell?
Ronja ist noch anderweitig festangestellt, seit einem Jahr allerdings in Kurzarbeit. Ihr Plan ist, irgendwann ganz einzusteigen, wenn der Laden läuft. Ich arbeite nebenbei noch als selbstständige Köchin und Moderatorin, etwa für Live-Streams und NDR-Formate, oder ich schreibe Kochbücher.

Wie viel deiner Zeit nimmt die Weidenkantine in Anspruch?
Wir haben zwar „nur“ drei Stunden am Tag geöffnet, aber tatsächlich ist das für mich trotzdem ein Vollzeitjob. Um die Menüs zu planen und Vorbereitungen zu treffen bin ich immer um 10 Uhr hier, der Mittagstisch geht von 12 bis um 15 Uhr, dann sind zwei Stunden für Aufräumen und Nachbereitungen eingeplant und um 17.30 bin ich zu Hause.

Warum eröffnet man ausgerechnet in der Corona-Krise ein Lokal?
Im ersten Lockdown ist für mich sehr viel weggebrochen. Als Moderatorin und Eventköchin war ich für viele Messen gebucht, die alle abgesagt werden mussten. Den Kopf in den Sand zu stecken ist aber nicht mein Ding. Da ich schon immer ein eigenes Café aufmachen wollte, habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt: Ich habe online recherchiert und einfach mal „Gastrofläche Hamburg“ eingegeben. So bin ich auf die Weidenkantine gestoßen. Im Mai haben wir uns die Fläche angeguckt und im Juni die Verträge unterschrieben. Da war Corona ganz weit weg für mich.

 

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Für jeden Spaß zu haben: Zora Klipp / ©Bernd Hermes

 

Heute ist der 8. März, Internationaler Frauentag. Woran liegt es, dass Frauen in der Gastronomie so wenig sichtbar sind?

Was den Job als Köchin betrifft: der ist einfach extrem anstrengend und körperlich fordernd. Unsere Küche beispielsweise ist super klein und die Töpfe sind riesengroß. Ein Eintopf für 30 Personen wiegt unglaublich viel, das Umrühren und Hochheben ist da ein richtiger Kraftakt. Wenn wir Kartoffelknödel machen, dann formen wir schon mal 300 Bällchen per Hand. Meine Sehnenscheiden brennen jeden Tag. Mir schlafen die Finger ein, sobald ich was trage, weil alles so entzündet ist. Dazu kommen die Arbeitszeiten, die nicht gerade familienfreundlich sind. Du kannst nicht sagen, ach, ich mach jetzt mal 25 Stunden. Das funktioniert in dieser Branche nicht!

Was unternimmst du gegen die schmerzenden Hände?

Manche Aufgaben gebe ich an den Koch ab, etwa 10 Kilo Kartoffeln schälen. Oder wir teilen das untereinander auf beziehungsweise meine Schwester hilft auch ab und zu aus. Idealerweise bewege ich meine Hände gar nicht und nutze jede freie Minute, um sie zu schonen.

Welche Erfahrungen hast du mit Geschlechterdiskriminierung in deiner Branche gemacht?

Ich werde als Köchin teilweise nicht ernst genommen – beziehungsweise für viele bin ich die YouTuberin oder das harmlose Mädchen mit den blonden Löckchen. Das regt mich so auf! Oft sind es die „alten weißen Männer“, die solche Klischees im Kopf haben. Und es ärgert mich auch deswegen, weil ich weiß, dass es Mädels gibt, die damit nicht umgehen können. Und die Leute wundern sich, warum sie keine Azubis finden.

Wie geht es weiter mit der Weidenkantine, wenn der Lockdown beendet wird?

Wir haben draußen einen extrem breiten Bürgersteig und davor noch Parkplätze. Sobald die Außengastronomie öffnen darf, wollen wir die Parkplätze dazu mieten. Dann hätten wir draußen rund 50 Sitzplätze.

 

Mehr Hintergrundinfos in der neuen Folge des Podcasts „Einmal alles, bitte!“.

© Jakob Boerner / www.jakobboerner.com / Veroeffentlichung nur gegen Honorar, Urhebervermerk und Beleg / permission required for reproduction, mention of copyright, complimentary copy / info@jakobboerner.com

Interview: Jasmin Shamsi trägt Berlin auf der Zunge und Hamburg im Herzen. Als Food- und Kulturjournalistin spürt sie Geschichten aus der bunten Gastrowelt auf oder testet sich durch die kulinarische Vielfalt dieser Stadt.