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Essen gehen! – mit Stevan Paul

Das scharfe Erbe Sichuans

Zwischen Problemen mit der Bestellapp, KI-Bildern und Sichuan-Schärfegraden entdeckt unser Kolumnist durchaus auch das Potenzial der Neueröffnung an der Hoheluftchaussee

Zum Weinen herrlich: Unserem Kolumnisten treibt das Signature Dish Gong Bao die Tränen in die Augen / ©Stevan Paul
Zum Weinen herrlich: Unserem Kolumnisten treibt das Signature Dish Gong Bao die Tränen in die Augen / ©Stevan Paul

Auf dem Instagram-Account werben KI-generierte Bilder der Gerichte für das Chuan Heritage, das scheint aber niemanden zu stören: Nur Tage nach der Eröffnung bekommen wir an einem Montag um 19 Uhr den letzten Tisch, im Eingang stapeln sich ab da die Leute. Es wirkt, als habe Eimsbüttel nur auf ein Restaurant mit dem Erbe Sichuans (Sze-)Chuan, Heritage: Erbe) der komplexen Chili und Pfeffer-scharfen Küche der Provinz im Südwesten Chinas gewartet. An einem Tisch starren sechs Leute ins Handy. Schrecklich, denke ich noch. Minuten später bin auch ich in die Aktivierung des Onlinemenüs vertieft. Über eine App gilt es, sich namentlich zu registrieren und den Tischcode für eine „sichere Freischaltung“ einzugeben. Es sei ganz einfach. Minutenlang suchen wir den Tisch nach einem Code ab, eine vorbeieilende Servicekraft verrät uns später die vierstellige Nummer. Getrennt bestellen wir Getränke und Essen, legen Schärfegrade fest. Bei Tisch (und auf Wunsch auch auf der Rechnung) kommt alles zusammen. So geht moderne Systemgastronomie. Viel später erst stelle ich fest, dass am Tisch der älteren Herrschaften auch eine gedruckte Karte ausgehändigt wurde. Aber man sitzt gemütlich in den zuletzt gastronomisch eher glücklosen Räumen, die jetzt angenehm verwinkelt und in Schwarz und Rot gehalten, nicht wiederzuerkennen sind.

Der geschäftige Service ist freundlich zugewandt, schnell kommen die ersten Teller: Der kühle Gurkensalat mit Morcheln (7,50 Euro) ist vollmundig, die nur grob gehobelte Rotkohl-Rohkost (6,50 Euro) dagegen ungefällig im Geschmack. Ein Highlight ist der einfache Glasnudelsalat mit Chili-Öl und Koriander (7,50 Euro), schöner Biss, pointierte Schärfe. Ein Fehlklick beschert uns die köstlich dünn geschnittenen Tofu-Streifen (7,90 Euro) doppelt, unser Irrtum wird anstandslos zurückgenommen. Das Wasser (Fl. 7,50 Euro) haben wir versehentlich still bestellt, aber egal, das brauchen wir jetzt für das Signature Dish Gong Bao, Hühnerfleisch mit Erdnüssen (18,90 Euro), so scharf, dass uns beim Zählen der Chilisorten die Tränen kommen. Rote, grüne und getrocknete Chilis sind es, die der Kellner am Nebentisch – über den Teller der älteren Herrschaften gebeugt – auf Geheiß herausfischen soll, auch er muss irgendwann passen. Derweil arbeiten wir mit duftigem Reis und einem Glas Wein von den Seckinger-Brüdern (0,1 l 4,50 Euro) gegen die Schärfe an. Weniger aufregend sind die nur leidlich saftigen Rippchen in knusprig-aromatischem Backteig (18,90 Euro), man wünscht sich doch ein Sößchen dazu. Zu zweit haben wir nur einen Bruchteil der Karte probieren können und wir kommen wieder: Es ist noch Luft nach oben und wir bleiben neugierig.

Zu unserem Test

Adresse

Chuan Heritage
Eppendorfer Weg 204
Hoheluft-Ost
20251 Hamburg

Öffnungszeiten

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Portrait von Stevan Paul

Ein kulinarischer Tausendsassa: Stevan Paul ist nicht nur gelernter Koch, sondern auch Kochbuchautor, Rezeptentwickler, Foodjournalist und seit Jahren Restaurant-Tester für die SZENE HAMBURG. Der Autor zahlreicher Kochbuch-Bestseller führt mit NutriCulinary eines der meistgelesenen kulinarischen Online-Magazine im deutschsprachigen Raum.