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Soziales Café Rennkoppel

Segel setzen nach Krisenzeiten

Das Café Rennkoppel in Heimfeld gibt Menschen nach psychischen Krisen Struktur und Selbstvertrauen zurück. Als Projekt zur beruflichen Teilhabe der gemeinnützigen Gesellschaft „Die Fähre“ geht es mit Rücksicht und Rückenwind zurück in Richtung Arbeitswelt

25. Dezember 2025 von Alina Fedorova

Das Team vom sozialen Café Rennkoppel in Heimfeld: Klientin Nora Geraedts (l.), Caféleiter Sebastian Arjomand und Gruppenleiterin Annette Oral /©Alina Fedorova
Das Team vom sozialen Café Rennkoppel in Heimfeld: Klientin Nora Geraedts (l.), Caféleiter Sebastian Arjomand und Gruppenleiterin Annette Oral /©Alina Fedorova

Carolin Habeck und Nora Geraedts kennen sich schon seit Jahren – bevor sie in Heimfeld im Café Rennkoppel gemeinsam Cappuccino, Bagels und Kuchen über den Tresen reichten, waren beide Patientinnen derselben psychiatrischen Einrichtung. Heute sind sie Nachbarinnen beim betreuten Wohnen – und Kolleginnen im sozialen Café direkt darunter, das ihnen Struktur, Selbstvertrauen und Stabilität zurückgibt. Dahinter steht die gemeinnützige Gesellschaft „Die Fähre“, die seit über 50 Jahren psychisch erkrankte Menschen begleitet, unterstützt und stärkt. Seit 2019 ist auch das Café Rennkoppel Teil dieses Angebots: zunächst als von der „Aktion Mensch“ gefördertes Arbeitsprojekt, seit 2023 als anerkannte TaK-Maßnahme (Teilhabe am arbeitsweltlichen Kontext), gefördert von der Sozialbehörde Hamburg. Nach schweren Lebenslagen blicken beide inzwischen gemeinsam nach vorn. „Man hat hier wieder eine Tagesstruktur“, sagt Habeck. Geraedts ergänzt: „Das ist hier wie in einem Familienbetrieb. Hier findet man wieder Anschluss.“

Behutsam zurück in die Arbeitswelt nach Lebenskrisen

Psychische Erkrankungen sind in der Arbeitswelt noch immer ein Tabuthema. Die Angst vor Stigmatisierung ist groß, viele Arbeitgeber reagieren skeptisch, wenn jemand nach einer langen Auszeit zurück in den Job möchte. Für Betroffene ist eine 40-Stunden-Woche oft nicht zu bewältigen. Das Café Rennkoppel setzt bewusst einen anderen Rahmen: ein ruhiges Arbeitsumfeld, Drei-Stunden-Schichten, höchstens 15 Stunden pro Woche. Aktuell arbeiten hier zwölf Klientinnen und Klienten, die behutsam in berufliche Strukturen zurückgeführt werden. Für viele ist es der erste Schritt zurück in einen strukturierten Alltag. Menschen mit Depressionen, Psychosen oder Schizophrenie erlangen hier ein Stück Selbstwirksamkeit zurück, ohne Leistungsdruck in einem rücksichtsvollen Umfeld. Rund 80 Menschen konnten auf diese Weise in den vergangenen Jahren bereits begleitet werden. „Wenn man lange in der Klinik war muss man eine Alltagsstruktur mit Beruf und Privatleben wieder erlernen. Dabei werden sie an die Hand genommen,“ so Caféleiter Sebastian Arjomand.

In der Gastro herrscht oft ein rauer Ton. Hier versuchen wir einen geschützten Rahmen zu schaffen, in dem Fehler okay sind

Sebastian Arjomand, Café Leitung und gelernter Koch

„In der Gastro herrscht oft ein rauer Ton“, sagt Arjomand. „Hier versuchen wir einen geschützten Rahmen zu schaffen, in dem Fehler okay sind.“ Nach seiner Kochausbildung im Luxushotel Louis C. Jacob und einem Jahr als Koch im 25hours Hotel suchte er selbst nach Entschleunigung. „Ich wollte Gastronomie und Soziales miteinander verbinden.“ Nach Stationen in der Arbeits- und Berufsförderung bei den Elbewerkstätten und einer sozialpsychiatrischen Zusatzausbildung kam er zur Fähre. Seit einem Jahr leitet er das Café Rennkoppel, das er als „buntes Potpourri aus ganz unterschiedlichen Menschen“ beschreibt. „Ansonsten unterscheiden wir uns nicht von anderen Betrieben. Wir sind ein ganz normales Café, das ist unser Anspruch“, betont Arjomand.

Café Rennkoppel: Sozialraum und Brücke zum Berufsleben

Das Café ist zu einem Treffpunkt für alle Generationen geworden. Gleich nebenan eine Schule, ein Seniorenheim, die Technische Universität. „Hier begegnen unsere Klienten vielen Gästen in einem entstigmatisierten Kontext“, sagt Arjomand. Sozialraumorientierung nennt er diesen Ansatz – Barrieren abbauen durch Begegnung. Der helle Raum mit seinen breiten Fensterfronten wirkt freundlich, auf der Terrasse laden Strandkörbe zum Entspannen ein. Im Sommer erweitern Blumenbete und Sandkisten für die Kleinen die Szenerie. In der Vitrine liegen Kuchen, Torten und Bagels einer Konditormeisterin aus der Region, der Kaffee von der Rösterei Koffietied stammt aus sozialen Projekten in den Anbauregionen. Die meisten Produkte stammen aus Familienbetrieben aus dem Süderelberaum. Pesto, Chutney, belegte Sandwiches und ein veganer oder vegetarischer Mittagstisch werden täglich frisch zubereitet. Das Café verbindet nicht nur zwischen Krise und Stabilität, sondern auch zwischen Menschen und der Heimfelder Nachbarschaft. „Unsere Teilnehmenden machen das Café Rennkoppel zu einem persönlichen, inklusiven Ort, an dem sich jeder willkommen fühlt“, fasst der Caféleiter zusammen.

Das Team bereitet täglich einen frischen veganen oder vegetarischen Mittagstisch zu. Hier: ein Pilzrisotto mit konfierten Tomaten / ©Café Rennkoppel
Das Team bereitet täglich einen frischen veganen oder vegetarischen Mittagstisch zu. Hier: ein Pilzrisotto mit konfierten Tomaten / ©Café Rennkoppel

Als Teil des TaK-Programms soll das Projekt auch über der Arbeit im Café hinaus eine Perspektive bieten. Gemeinsam werden Ziele erarbeitet, Fortschritte reflektiert, sogar Praktika vermittelt. Auf dem Plan stehen Jobcoachings, EDV-Schulungen und kleine Exkursionen. Sozialpädagogin Louisa (Nachname) war schon während ihres Studiums der sozialen Arbeit mit an Bord der Fähre. Sie schätzt besonders das „ressourcenorientierte Miteinander“ im Café. Täglich werden die Klienten gefragt, wie es ihnen geht und was sie sich heute zutrauen. „Weil es hier so achtsam gerahmt ist und die Klienten reales Feedback bekommen, erleben sie früh Erfolgsmomente“, sagt sie. „Das gibt ihnen neuen Mut und Selbstvertrauen.“ 

Jede Branche sollte Wege schaffen für Menschen, die es nicht leicht im Leben hatten und wieder ins Berufsleben einsteigen wollen.

Sebastian Arjomand, Café Leitung

Die Maßnahme wird in der Regel zunächst für ein Jahr bewilligt, eine Weiterbewilligung ist je nach Einzelfall und Unterstützungsbedarf möglich. Die Fähre sorge laut dem Caféleiter für einen „smoothen Übergang“ zwischen Arbeitserprobung und Überleitung zum festen Arbeitsmarkt. Arjomand erinnert sich an einen Klienten zurück: „Als er hier im Café angefangen hat, traute er sich nichts zu. Später konnte er ein Praktikum bei Airbus machen – das hat ihn sehr mit Stolz erfüllt.“ Doch Betriebe zu finden, sei oft eine Herausforderung: „Jede Branche sollte Wege schaffen für Menschen, die es nicht leicht im Leben hatten und wieder ins Berufsleben einsteigen wollen.“

Geraedts und Habeck leben auch weiterhin mit einer psychischen Erkrankung. Doch sie haben gelernt, dass dennoch ein „normales Leben“ möglich ist. Beide trauen sich mittlerweile auf zu neuen Ufern. „Ich habe hier viel dazugelernt, nehme viele Kenntnisse mit. Der Umgang mit Kunden liegt mir.“ Geraedts möchte in der Gastronomie Fuß fassen. Habeck träumt von einem Leben auf dem Lande und einer Stelle in einem kleinen Hofladen. Auch sie ist voller Zuversicht: „Ich habe hier gelernt, dass jeder sein Schicksal selbst in der Hand hat und das Beste daraus machen kann.“ Das Café Rennkoppel ist für beide dabei nicht Endpunkt, sondern Ausgangspunkt. Die Fähre gibt ihnen dafür den nötigen Rückenwind.

Inklusionsbegleiterin Lilly Zimmermann (l.), die Klientinnen Nora Geraedts (m.)  und Anouk-Meijer (r.) und Caféleiter Sebastian Arjomand /©Alina Fedorova
Inklusionsbegleiterin Lilly Zimmermann (l.), die Klientinnen Nora Geraedts (m.)  und Anouk-Meijer (r.) und Caféleiter Sebastian Arjomand /©Alina Fedorova
Die Backwaren stammen aus familiengeführten Betrieben aus der Nachbarschaft / ©Alina Fedorova
Die Backwaren stammen aus familiengeführten Betrieben aus der Nachbarschaft / ©Alina Fedorova
Das Nachbarschaftscafé Café Rennkoppel in Heimfeld setzt auf regionale Produkte aus dem Süderelberaum / ©Alina Fedorova
Das Nachbarschaftscafé Café Rennkoppel in Heimfeld setzt auf regionale Produkte aus dem Süderelberaum / ©Alina Fedorova
Auf der Terrasse laden Strandkörbe zum Entspannen ein / ©Alina Fedorova
Auf der Terrasse laden Strandkörbe zum Entspannen ein / ©Alina Fedorova
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Ob Phở Bo oder Ramen: Asiatische Nudelsuppen könnte Alina Fedorova zu jeder Jahres- und Tageszeit schlürfen. Lange Zeit in der Gastro tätig, hat sie Tablett gegen Tastatur getauscht und schreibt jetzt über Hamburgs Gastro-Szene. Oft steht sie selbst hinterm Herd und kocht Rezepte aus aller Welt.