Mittags im Hayns Park an der Alster: Um 12 Uhr versammelt sich eine bunt durchmischte Gruppe am Monopteros, einem senfgelben Säulen-Turm mitten im Grünen. Auf den ersten Blick haben diese Menschen nichts gemeinsam – sie könnten genauso gut Fremde an einer Bushaltestelle sein. Mittendrin ein Mann Ende fünfzig mit grell-pinker Tasche. Darauf in großen Buchstaben: „Urban Guru“ – es geht gemeinsam auf Genuss-Tour, und zwar durch Hamburgs ältestes Dorf: Eppendorf. Der Mann mit Tasche ist Heinz Oberlach, Diplom-Pädagoge, Stadtführer und ein echtes Eppendorfer Original. Der gebürtige Eppendorfer verbrachte hier fünfzig Jahre seines Lebens, kennt jede Ecke und erlebte die „Schickmachung des Stadtteils“ hautnah mit. Die Genuss-Tourenden: Einheimische und Wahlhamburger, Hannoveraner, Bremer, Paare und ein Mutter-Tochter-Gespann. Alle sind da, die kulinarische (Zeit-)Reise beginnt.
Kaffee, Kuchen und Kultur Eppendorfs
„Damals Dorf, heute teures Pflaster“, beginnt Oberlach. Früher lebten hier nur Bauern und Nonnen, heutzutage zählt der seit 1894 zu Hamburg gehörende Stadtteil zu einem der gefragtesten Wohnviertel der Hansestadt. Die pinke Tasche kommt zum Einsatz: Oberlach holt mehrere Stadtkarten heraus und reicht sie herum: vom mittelalterlichen Dorf über die Zeit, als reiche Kaufmannsfamilien hier ihre Sommerresidenzen bauten. „Im 19. Jahrhundert galt Eppendorf als Zufluchtsort vor der stickigen Stadt“, erklärt der Eppendorfer. Manche Grundstücke reichten bis ans Alsterufer, Gärten waren Statussymbole. Heute genießen rund 25.000 Einwohner die Überbleibsel der pompösen Parkanlagen.
Nach gemächlichem Spaziergang wird in der Schubackstraße die erste Station anvisiert. Im Café Delikate wird die Gruppe in ein Hinterzimmer geführt, unmittelbar danach bekommen alle ein monströses Stück Erdbeerkuchen. „Im Frühling gibt’s oft Rhabarber, im Herbst Zwetschge“, verrät Oberlach. Durch die Glasfront scheint die Sonne hinein, während der Tour-Guide erzählt: „Früher lebten die Familien in so einem Hinterraum eng gedrungen zusammen, während vorne das blitzblanke Familiengeschäft betrieben wurde.“


Es geht weiter in die Erikastraße. Links und rechts reihen sich großbürgerliche Etagenhäuser aneinander – die Altbau-Reihenvillen mit noblen Fassaden und beblümten Balkonen. „Viele sagen dazu Jugendstil“, erzählt Oberlach, „aber eigentlich ist es ein architektonischer Mischmasch. Hauptsache schick.“ Vor 100 Jahren sorgten in den Erdgeschossen Milchläden, Gemüsehändler, und Fleischereien für die örtliche Nahversorgung. Heute sitzen hier stilvolle Immobilienbüros, Yogastudios oder Werbeagenturen.
Ein kurzer Abstecher in einen Hinterhof: eine kleine Ruheoase, hinter hohen Mauern, abgeschirmt vom Straßenlärm. Die ziehen sich durch Eppendorf wie Löcher bei einem Schweizer Käse. Oberlach sagt dazu „Kultur der Hinterhöfe“. Ein paar Straßen weiter halten wir vor dem Café Borchers, einer der seltenen Eppendorfer Institution. Früher Dorfkneipe, in den 70ern Treffpunkt der Szene. Die über 100 Jahre alte Gaststätte weckt Kindheitserinnerungen beim Tour-Guide: „Zur Weihnachtszeit gab es hier immer heiße Schokolade und Spekulatius. Ansonsten ist vom alten Eppendorf wenig übrig.“
Frischer Fisch und Rückblicke
Auf dem Weg zum zweiten kulinarischen Zwischenstopp zieht bereits der Duft von frisch gebratenem Fisch durch die Straßen. Vor Fischfeinkost Hülsen bleibt Oberlach stehen. Eine Mitarbeiterin in knallroter Schürze kommt raus und balanciert ein Tablett voller Kostproben: Fischfrikadellen mit Lachs, daneben Algensalat für Vegetarier. Seit Jahrzehnten gehört Hülsen zu Eppendorf – heute geführt von zwei langjährigen Mitarbeitern der Gründerfamilie. „Wie geht’s euch, passt noch was rein?“, fragt Oberlach scherzhaft.


Vorbei an der Marie-Beschütz-Schule, der ältesten Schule Eppendorfs, folgt der nächste Stopp. „Hier ging Wolfgang Borchert zur Schule, einer der bekanntesten Autoren der Trümmerliteratur“, berichtet Oberlach. Wieder kommt die pinke Tasche ins Spiel: Eine Kopie vom Abgangszeugnis des Literaten von 1939 kommt zum Vorschein. Der Tour-Guide liest vor: „Im übrigen war seine Mitarbeit nicht einheitlich.“ Gelächter geht durch die Gruppe.
Im Schritttempo geht’s weiter, lockere Gespräche untereinander. Bei Gudrun Schmücker, Geburtsjahr 1944, werden Erinnerungen an das Eppendorf der Nachkriegszeit wach. „Wir wohnten in Eimsbüttel und mussten zu Fuß zum Arzt ins UKE (Universitätsklinikum Eppendorf) – meine Mutter, meine Schwester und ich sind regelmäßig durch das zerbombte Eppendorf gelaufen.“ Heute ist die Rentnerin mit ihrer Tochter zurückgekehrt, um den Stadtteil neu zu entdecken.
Zwischen Gemälden, Piroschki und Matrjoschkas
Damals Trümmerlandschaft, heute Altbau-Chic. In der Martinistraße liegt das nächste Ziel. Als wir in das Lokal treten, ragen hohe Decken vor uns auf. Ein antiker Kronleuchter – nicht glatt poliert, sondern matt – baumelt von der Decke. Sicherlich könnte auch dieser Geschichten erzählen. Auf den Tischen stehen Lorbeerzweige in verblichenen Buntgläsern. Kunstwerke von Herren mit Weinglas oder Damen in Schürze hängen dicht an dicht an den Wänden: eine Bildanordnung, die auf die berühmte Gemäldesammlung in St. Petersburg verweist und als Namensgeber des russischen Bistros dient: Das Hermitage.
Hinter dem Tresen schält Galina „Lina“ Zokolow Kartoffeln. In der Vitrine stapeln sich russische Gebäckspezialitäten, darüber ein Sammelsurium aus Flaschen, Kelchen und Matrjoschkas. Die Gastgeberin serviert traditionelle Piroschki: Hefeteigtaschen mit Weißkohl-Ei-Füllung. „Die gab’s schon bei meiner Uroma“, sagt die gebürtige St. Petersburgerin, damals zur Zeit der Sowjetunion noch Leningrad. Dazu wird sich Kaffee bestellt, oder süßsaurer Mors aus Moosbeerensaft – ein typisch russischer Durststiller. „Hier ist alles selbst gemacht nach Familienrezept“, betont Zokolow. „Ich koche hier wie zu Hause. Mit Liebe und Seele – immer.“ Für das Bistro kocht sie alle drei Tage ganze fünf Liter Borschtsch.


Fruchtiges Finale im Fruchthaus Düntas
Ein paar Schritte weiter: der Eppendorfer Marktplatz. Früher Zentrum des Bauerndorfs und bis 1894 Schauplatz des „Eppendorfer Kram- und Viehmarkts“. Weiter geht es Richtung Kellinghusenstraße, vorbei an der Schramme 10 – seit fünfzig Jahren Kultbar und Kontrastprogramm zum schnieken Eppendorf. Angelika Goldbach, die ihre Kindheit in Eppendorf verbrachte, schwelgt nun auch in Erinnerungen: „Wir Kinder haben uns da drüben im Eckladen vom Taschengeld immer Salmi-Rauten geholt.“ Ehemann Wolfgang schenkte ihr die Genuss-Tour zum Geburtstag.
Durch den idyllischen Kellinghusenpark, vorbei an Blumenbeeten, Reetdachhaus und Ententeich geht es auf die Eppendorfer Landstraße. Vor der Konditorei Lindner, auch seit Jahrzehnten bekannt und beliebt, gerät Oberlach ins Schwärmen: „Dort ist die Zeit stehen geblieben. Die haben noch ein Interieur aus den 60ern, ein ganz besonderes Ambiente zu richtig guten Torten. Ein Besuch lohnt sich.“
Gleich dahinter, ein paar Hausnummern weiter: das Fruchthaus Düntas, seit 25 Jahren Obst- und Gemüseladen vor Ort. Vor der Tür preist ein Mitarbeiter lautstark Erdbeeren an: „Drei Schalen für zehn Euro!“ Das farbenfrohe Finale ist bereits angerichtet – eine riesige Fruchtplatte mit heimischen und exotischen Früchten, daneben frittiertes Gemüse, Gemüsefrikadellen, Antipasti und Dips. „Bedient euch, esst viel, damit die Nächsten auch so viel kriegen“, scherzt Oberlach. Am Ende sind alle satt, schlau und selig – und sich einig: Heute bleibt die Küche kalt.

