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Nachbarschaftstreff

Suppenküche La Cantina vor dem Aus 

Das La Cantina hat seit mehr als 20 Jahren eine wichtige soziale Bedeutung für Ottensen: Über 100 Menschen unterhalb der Armutsgrenze bekommen in der Suppenküche täglich etwas zu essen. Doch nun steht die Stadtteilkantine nach einer Kündigung vor dem Aus

12. Februar 2026

La Cantina: Der stellvertretende Küchenchef Tobias Grebe und ein Teil seines Küchenteams / ©Natalie Müller 
La Cantina: Der stellvertretende Küchenchef Tobias Grebe und ein Teil seines Küchenteams / ©Natalie Müller 

Seit über 20 Jahren ist La Cantina weit mehr als ein gastronomischer Betrieb. Es ist ein Nachbarschaftstreffpunkt: Stadtteilkantine, Suppenküche und sozialer Raum zugleich. Hans Bunge sitzt mit sechs Senioren am selbsterkorenen Stammtisch von La Cantina, dem Sozialprojekt des Koala Trägers in Ottensen. Zwischen Essen, Gesprächen und Zukunftsplänen hält der Stammgast stolz seine Schaustellerpuppe aus den 1960ern hoch, die er „Schmecki“ getauft hat. In der Hand hält die Puppe ein Schild auf dem steht „Rettet La Cantina Hohenesch“

Denn: La Cantina droht das Aus. Im vergangenen Jahr wurden die Räume zum 30. Juni 2026 vom Vermieter gekündigt. Offiziell aufgrund von Brandschutz- und Statikmängeln. Daher suchen die Mitarbeitenden sowie die Gäste nun händeringend einen neuen Standort, vorzugsweise zentral in Ottensen oder im Bezirk Altona. Benötigt werden ca. 300 Quadratmeter, sodass sowohl die Küche mit den rund 22 Mitarbeitenden als auch der Gastraum Platz finden kann. Sollten neue Räumlichkeiten gefunden werden, stellt der Vermieter eine mögliche Betriebsfortführung bis Ende des Jahres in Aussicht.

16 Sozialprojekte in Hamburg 

Was 2003 als eines von vier Sozialprojekten des Koala-Trägers begann, ist heute ein wertvolles Netzwerk von 16 Projekten in ganz Hamburg. Darunter befinden sich unter anderem eine Reparaturwerkstatt, ein Seniorenhilfeprojekt, ein Sozialkaufhaus sowie ein Textilwerk. Alle verfolgen dabei denselben Ansatz: Menschen aus der Langzeitarbeitslosigkeit herauszuhelfen, sie wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren und gleichzeitig der Gemeinschaft etwas zurückzugeben.

Ein Ort, der mehr ist als ein Restaurant 

Unter der Woche essen im La Cantina rund 130 Menschen gesund und günstig. Gezahlt wird, was möglich ist – Die Menschen, die genug verdienen, zahlen den normalen Preis von 7 Euro, Menschen mit geringem Einkommen essen hier zum Preis von 3,80 Euro . Ab 15.30 Uhr wird das La Cantina zur Suppenküche, in der obdachlose Menschen für 50 Cent eine warme Mahlzeit und einen geschützten Ort zum Zusammenkommen und Aufwärmen finden. „Besonders schön ist zu sehen, wie die Besucher des Mittagstisches teilweise noch länger bleiben, um mit den obdachlosen Menschen in Kontakt zu kommen, das ist für mich hier einzigartig“, erzählt der stellvertretende Küchenchef Tobias Grebe, der seit Anfang 2025 Jahres im La Cantina arbeitet und vorher lange Jahre in der Hotellerie tätig war.

 Das Küchenteam kocht darüber hinaus für weitere soziale Einrichtungen im Stadtteil. Es beliefert das zweite Koala-Gastronomieprojekt, das Café Osborn 53, einen Kindergarten sowie Tagepflegeeinrichtungen. Das Gute: Am Ende des Tages wird so gut wie nichts an Lebensmitteln weggeschmissen. Alles, was beim Mittagstisch übrigbleibt, wird in der Suppenküche verteilt. 

Ein Einstieg ins Arbeitsleben 

La Cantina wird fast vollständig von Menschen betrieben, die langzeitarbeitslos waren. Häufig aufgrund von psychischen oder physischen Krankheiten, Flucht oder schweren Schicksalsschlägen. Einen Weg zur Wiedereingliederung finden sie hier: Über die sogenannte 16i-Beschäftigung werden die Menschen in einem geschützten Raum von Sozialpädagogin Asha Harrison langsam wieder an das Arbeitsleben gewöhnt, sodass der Übergang leichter fällt. „Hier finden die Menschen wieder Selbstbewusstsein und einen realistischen Weg zurück in den Arbeitsmarkt, was sie motiviert und ihnen eine Perspektive gibt“, so Harrison.

Erfahrung in der Gastronomie braucht es dabei keine. Interesse und Motivation reichen, um langsam wieder zu erfahren, wie es ist im Team zusammenzuarbeiten und dabei auch noch Gutes für Andere zu tun. „Ich habe vor der Arbeitslosigkeit als Schlosser gearbeitet. Die Arbeit hier bringt mir viel Spaß. Besonders schätze ich die Gemeinschaft mit den anderen aus meinem Team“, sagt Phillip, einer der Langzeitarbeitslosen, der im Projekt eine Chance gefunden hat.

Sozialer Anker in einem sich wandelden Stadtteil 

„Gerade in Stadtteilen wie Ottensen, die immer teurer und gesellschaftlich gleichförmiger werden, hat La Cantina für die Beschäftigten und Besuchenden eine ganz besondere Bedeutung“, so Grebe. Viele der Besuchenden kommen täglich, nicht nur wegen des Essens, sondern vor allem wegen des Kontakts zu anderen. Der stellvertretende Küchenchef sagt: „Es gibt kaum noch Orte, an denen man sich einfach treffen kann. Für viele ist das hier ihr soziales Zuhause.“ Menschen aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten kommen zusammen und ins Gespräch – etwas, das laut Nese Wagner, die Teil der Geschäftsleitung von Koala Hamburg ist, für eine lebendige Demokratie so wichtig sei.

Für viele ist das hier ihr soziales Zuhause.“

Tobias Grebe, stellvertretender Küchenchef 

Senior Hans Bunge sitzt mit den anderen Besuchenden an seinem Stammtisch und schmiedet Pläne, wie sie beim Erhalt der Cantina helfen können – ein vertrautes Bild, das zeigt, wie sehr La Cantina für viele zum Alltag gehört. Für ihn, wie für zahlreiche andere bleibt vor allem eines wichtig: dass dieser Ort eine Zukunft bekommt! 

Natalie Müller 

Hans Bunge mit seiner selbst gebauten Schaustellerpuppe / © Susanne Bergmann 
Hans Bunge mit seiner selbst gebauten Schaustellerpuppe / © Susanne Bergmann