Stadtentwicklungsprojekt „Stadteingang Elbbrücken“

Das Ende der Veddeler Fischgaststätte?

Die Veddeler Fischgaststätte soll weg. Einfach weg. Eine Meldung, die fassungslos macht. In unserem aktuellen Genuss-Guide führen wir die Fischgaststätte von Inhaber Christian Butzke in der Kategorie Fisch als Hanseperle. Eine Hanseperle ist – um es kurz zu machen – aus Hamburg definitiv nicht wegzudenken. Nach den aktuellen Plänen der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen müssen wir uns an diesen Gedanken aber wohl gewöhnen

Nach mehr als zwei Jahren Planung hat der Senat Mitte Oktober den Rahmenplan für das Stadtentwicklungsprojekt „Stadteingang Elbbrücken“ zugestimmt. Die Beteiligung der Öffentlichkeit im Vorfeld war ein wichtiger Bestandteil und erfolgte unter anderem in zwei Stadtwerkstätten, wie die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) betont. Bezugspunkt der Rahmenplanung ist unter anderem ein rund 80 Hektar umfassendes Gebiet, das sich von der nördlichen Veddel über das westliche Rothenburgsort bis ins südliche Hammerbrook erstreckt – und damit auch die Veddeler Fischgaststätte.

Inhaber Christian Butzke steht der grundsätzlichen Planung positiv gegenüber: „Ich bin absoluter Befürworter von dem, was hier passieren soll. Damit wird dieses eher trostlose Areal weiterentwickelt.“ Ursprünglich war er sehr zuversichtlich, dass seine Gaststätte bleiben kann. Nachdem er die Initiative ergriffen und mit den Behörden Kontakt aufgenommen hatte, wurde ihm signalisiert, dass sich Oberbaudirektor Franz-Josef Höing darüber bewusst sei, dass die Fischgaststätte eine Institution ist. Doch dann platze die Bombe, denn Institution hin oder her, die Veddeler Fischgaststätte muss dennoch weichen.

 

Seit Jahrzehnten sitzen hier die Menschen, um über Dies und Das zu schnacken / ©Marc Sill

 

Auf Anfrage bestätigt dies die BSW und Pressesprecherin Susanne Enz betont auch der SZENE HAMBURG gegenüber, wie hoch die kulturelle Bedeutung der Veddeler Fischgaststätte ist: „Die Fischgaststätte auf der Veddel ist ein identitätsstiftender Ort mit Kultcharakter und Tradition. Ihr Weiterbetrieb im Zusammenhang mit einem künftig vielseitig genutzten Veddeler Marktplatz ist sie jederzeit Teil der städtischen Planungen gewesen und bleibt es auch. Mit einem gut gewählten neuen Standort an dem künftig belebteren Marktplatz soll die Zukunft der Gaststätte gesichert werden. Dies ist auch im Rahmenplan Stadteingang Elbbrücken festgehalten. Hierzu haben schon Gespräche mit dem Betreiber stattgefunden und weitere sind geplant. Das Beispiel des Restaurants Blaue Blume in Mitte Altona hat gezeigt, dass der Erhalt einer Traditionsgaststätte trotz eines Umzuges im Quartier möglich ist. Für die Betreiber können sogar Vorteile entstehen, etwa durch bessere Rahmenbedingungen für die Außengastronomie.“

Krieg und Sturmflut getrotzt

Seit 1932 existiert die Veddeler Fischgaststätte an der Tunnelstraße – quasi unterhalb der Elbbrücken. Nachdem der Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges schon einmal alles plattgemacht hatte, wurde 1942 wieder aufgebaut und das Interieur, wie zum Beispiel die Holzvertäfelung der Wände und der Tresen, sind bis heute so geblieben – und genau das macht den Charme aus. Selbst die Sturmflut von 1962, bei der das Wasser bis kurz unter die Decken der Gaststätte stand, hat dieses Flair nicht wegschwemmen können. Genau diese Atmosphäre lässt sich aber nicht irgendwo anders hin transferieren. Als Ausweichoptionen stehen aktuell ein Umzug in einen Neubau an der nahegelegenen Prielstraße oder in die alten Zollhallen direkt neben der Fischgaststätte in Aussicht. Die Zollhallen dürfen bleiben, weil sie unter Denkmalschutz stehen. Laut Christian Butzke gab es wohl in einer frühen Phase auch schon einmal Pläne, wo die Bebauung genau den Bestand an Ort und Stelle berücksichtigt haben – die sind aber wohl vom Tisch.

Warum die Gäste die Fischgaststätte lieben

Neben dem einmaligen traditionellen Ambiente ist es das Speisenangebot, für das die Gäste täglich ab 11 Uhr Schlange stehen. Auch dies und der unvergleichliche Geschmack des Bratfisches ist bis heute unverändert, wie der Junior des Hauses, Jonas Butzke, stolz erzählt. Das Geheimnis steckt in einem alten Ofen. Darin kann der Bratfisch rund 15 Grad heißer frittiert werden. Das Ergebnis sei eine Panade, die deutlich knuspriger sei, als es andere hinbekämen, verrät Jonas Butzke. Der Ofen ist seit Beginn in den dreißiger Jahren Teil des Hauses und hat Bestandsschutz. Bedeutet: Er hat nur an diesem Ort weiterhin eine arbeitsrechtliche Genehmigung – sonst nirgendwo mehr. „Jede Form einer Umsiedelung würde unser Alleinstellungsmerkmal, aus dem über bald 90 Jahren gepflegten Ambiente und dem Geschmackserlebnis durch diesen besonderen Ofen nehmen. Das sind Dinge, die wir bewusst nie verändert haben, weil sie unsere Existenzgrundlage sind“, fasst er zusammen. Alleine die Tatsache, dass hier täglich rund 60 Kilo Fisch, 80 Kilo Kartoffeln und 60 Gurken für den beliebten Kartoffel- und Gurkensalat geschnibbelt und verarbeitet werden, um die vielen Stammgäste und Besucher Hamburgs herzulocken, spricht Bände.

 

Das Geheimnis der einmalig knusprigen Panade: der Ofen aus den dreißiger Jahren / ©Marc Sill

 

Aufgeben gibt es nicht

„Wir werden weiterkämpfen“, resümiert Christian Butzke. Die große Resonanz seitens der Gäste macht die Familie zuversichtlich, die Flinte nicht ins Korn zu werfen. „Die noch größer gewordenen Schlangen vor unserem Lokal, seitdem die Bauplanung publik geworden ist, lässt uns wieder Mut schöpfen“, ergänzt er hoffnungsfroh. Und die Tatsache, dass viele Unterstützer sich direkt an die Behörden wenden, veranlasste ihn auch selbst zu einer Online-Petition, die aktuell über 5000 Unterstützer gefunden hat. Christian Butzke stellt überhaupt nicht in Frage, dass die Stadt und der Stadtteil sich weiterentwickeln muss – er befürwortet es sogar. Für ihn und die vielen Fans stellt sich einzig und allein die Frage, was dagegenspricht, eine Planung zu entwickeln, die das Moderne und Traditionelle miteinander versöhnt, statt die Vergangenheit einfach verschwinden zu lassen – eine Vergangenheit, die unsere Stadt prägt und so besonders lebenswert macht.

 

Für diesen leckeren Backfisch stehen die Gäste Tag für Tag gerne Schlange / ©Marc Sill

 

Ein wenig Hoffnung zum Schluss: Am 18. November gab es noch einmal einen persönlichen Termin vor Ort mit Mitarbeitern des Dezernat Wirtschaft, Bauen und Umwelt des Bezirksamts Hamburg-Mitte. Laut Christian Butzke hat die öffentliche Diskussion doch für eine höhere Aufmerksamkeit innerhalb der Behörde gesorgt, auch wenn dies am jetzigen Planungsstand, nach dem die Fischgaststätte am traditionellen Standort nach wie vor hier verschwinden soll, noch nichts geändert hat. „Die aktuelle Brisanz der Diskussion hat aber dazu geführt, sich genau über diese Frage noch einmal Gedanken zu machen“, fasst Christian Butzke hoffnungsvoll das Gesprächsergebnis zusammen und betont – was ihm sehr wichtig ist zu erwähnen – dass der Austausch mit den Vertretern der Behörde sehr partnerschaftlich war: „Wir werden im Dialog bleiben und man hat uns versichert mit offenen Karten zu spielen.“ Damit ist noch nichts gerettet, aber zum Glück wohl auch noch nichts endgültig besiegelt.

Hier geht es zur Online-Petition!

veddeler-fischgaststaette.de 

Frank-Sill-Autorenbild

Text: Wenn Frank Sill nicht gerade irgendwo auf dem Rennrad unterwegs ist, in einem See schwimmt oder durch die Gegend rennt, trifft er sich gerne mit Freunden und Familie in einem Restaurant, Café oder Bar, um seine Heimatstadt von einer ihrer schönsten Seiten zu genießen.