Internationaler Frauentag

Frauenpower in der Gastronomie

Am 8. März findet jährlich der Internationale Frauentag statt. Wir haben uns anlässlich dieses Feiertages in der Hamburger Gastro-Szene umgehört: Wie steht es um die Gleichstellung in der Gastronomie und was würden sich Frauen in diesem Punkt für die Zukunft wünschen?

Wenn wir uns unter den bekannten TV- oder Sterne-Köchen umschauen, wird immer wieder deutlich: Der Großteil von ihnen ist männlich. Warum ist das so? Und wie können wir es schaffen, dass auch Gastronominnen in der Branche und auch der Gesellschaft sichtbarer werden? Anlässlich des Weltfrauentages haben wir uns in Hamburgs Restaurants und Betrieben umgehört.

 

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Yvonne Tschebull
Inhaberin vom Restaurant Tschebull

Warum sind Frauen in der Gastro- und Foodszene gefühlt weniger sichtbar?
Es gibt sehr viele Frauen in der Gastro- und Foodszene. Oft sind es Paare, die sich selbständig machen. Die Frau bleibt dann aber oft im Hintergrund, obwohl sie meistens die Fäden zieht. Ich versuche in meinen Betrieben auch immer Frauen in Führungspositionen zu holen. Es gelingt ja, wenn auch nur für eine überschaubare Zeit. Aber wenn die Frau das will, dann ist alles möglich. Man muss natürlich auch berücksichtigen, dass Familie und Beruf in unserer Branche durch die Arbeitszeiten nicht ganz so zu vereinbaren sind wie in anderen Berufssparten.

Was würden Sie sich in diesem Kontext für die Zukunft wünschen?
Ich wünsche mir, dass Frauen stärker wahrgenommen werden. Sie argumentieren und agieren anders, haben einen anderen Führungsstil. Aber das ist doch genau das, was die Sache spannend macht.

 

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Zora Klipp
Inhaberin von der Weidenkantine

Wie siehst du die Lage der Frauen in eurer Branche?
Die Gastro-Branche ist ein toughes Business. Köchin zu sein bedeutet harte körperliche Arbeit und schmerzende Hände nach Feierabend. Zudem sind die Arbeitszeiten nicht gerade familienfreundlich. Das könnten Gründe sein, warum man so wenige Frauen in unserer Branche findet.

 

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Eliane Neubert
Inhaberin/Geschäftsführerin von elliKOCHT

Wie können Frauen in der Gastronomie sichtbarer werden?
Es besteht einfach eine fehlende Diversität in der Gastroszene, die nicht der Realität entspricht. In meinen Augen müssten Jurybesetzungen verändert werden, sonst prämieren alte weiße Männer weiterhin nur alte weiße Männer. Und weibliche Vorbilder müssen sichtbarer gemacht werden. Wir Frauen sollten besser netzwerken, um uns gegenseitig stark zu machen. Darüber reden ist jedenfalls schon mal ein guter Anfang.

Was würdest du dir in diesem Kontext für die Zukunft wünschen?
Ich wünsche mir, dass weiter an der Kultur der Gastro gearbeitet wird, denn die ist in großen Teilen menschenfeindlich, nicht frauenfeindlich. Und das darf nicht abgetan werden mit dem Satz „hier herrscht eben ein rauer Ton“. Wir sollten nicht nur die schicken Teller betrachten, sondern den Führungsstil und das Teamgefüge dahinter. Da stehen ja überall Menschen mit einer Seele an den Töpfen und Pfannen.

 

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Terry Krug
Inhaberin vom Krug und Fritzis

Wie siehst du die Lage der Frauen in Hamburgs Gastro-Szene? 
Die Lage der Frauen in der Hamburger Gastronomie ist sicherlich gerade genauso bescheiden wie die der Männer und anderen. Corona interessiert sich ja glücklicherweise nicht für die Genderproblematik. Ich wünsche mir im Allgemeinen einen größeren Austausch in der Gastronomie. Corona war da ein guter Treiber und hat uns alle näher gebracht. Und, dass die Hilfsbereitschaft untereinander und der Kontakt sich noch weiter verstärkt. Auch nach der Krise.

Warum meinst du, sind Frauen in der Branche gefühlt weniger sichtbar?
Sind sie das? Ich kenne mehr Frauen als Männer in der Gastronomie. Vielleicht müssen die nicht so viel über sich reden.

 

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Stephanie Döring
Geschäftsführerin vom Weinladen St. Pauli

Müssen Frauen in der Gastronomie deiner Meinung nach sichtbarer werden?
Auch wenn sich in den letzten Jahren viel getan hat, ist die Gastroszene nach wie vor ein überwiegend männliches Terroir auf der Betreiber- und Leitungsebene. Beispielsweise zeigt ein Blick in die Küchen, dass dort zwei Drittel der professionellen Köche Männer sind. Ich werde sehr oft nach meiner Rolle als Frau in einem erfolgreichen Unternehmen gefragt, als ob man(n) so etwas per se einer weiblichen Person nicht zutraut. Meine Arbeit mache ich seit meiner Jugend mit Leidenschaft, Hingabe und Selbstbewusstsein. Ob Frauen sichtbarer werden „müssen“, weiß ich nicht. Aber sie sollten es – ganz sicher!

Was würdest du dir in diesem Kontext für die Zukunft wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass es in Zukunft keine Rolle mehr spielt, welches Geschlecht für etwas verantwortlich ist. Gerade in der Gastronomie kommt es doch auf das Herz, die Leidenschaft und das unternehmerische Gespür an. Und da stehen Frauen Männern in nichts nach.

 

meike-mareike-hedda-hummelMareike Göldner und Meike Gerstenberg
Designerinnen bei hedda hummel

Wie seht ihr die Lage der Frauen in eurer Branche? 
Die Veranstaltungsbranche ist, vor allem wenn man auch mit der Produktionsarbeit in Berührung kommt, von Männern dominiert. Es braucht viel Nervenstärke, dort als Frau Gehör zu finden und sich durchzusetzen. Das war am Ende auch der Grund, warum wir uns zusammengeschlossen haben – zu zweit macht es das irgendwie entspannter. Gesamtgesellschaftlich betrachtet haben wir wirklich Angst, dass das was sich für die Gleichberechtigung in den letzten Jahren entwickelt hat, derzeit zurückgeworfen wird. Durch Homeschooling und die geschlossenen Kitas bleibt vorwiegend die Frau zu Hause – auch aus wirtschaftlichen Gründen. Daran sieht man eigentlich, wie wenig wirklich passiert ist.

 

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Christin Siegemund
Gründerin vom foodlab

Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, dass Frauen in der Gastro- beziehungsweise Foodszene sichtbarer werden?
Ich glaube an Diversität auf allen Ebenen. Zum einen hört man immer wieder, dass Küchen harmonischer werden, wenn Frauen anwesend sind. Zum anderen glaube ich aber, dass der „intergeschlechtliche“ Austausch gut sein kann für die Weiterentwicklung – da sprechen wir noch nicht einmal von Familienfreundlichkeit am Arbeitsplatz. Wenn man sich mal die Industrie- und Startup-Szene anschaut: Die Frauenquote ist gar nicht so gering, nur sind viele der Frauen nicht sichtbar. Das darf sich ändern, für ein modernes Bild der Branche und um potenziellen Gründerinnen Mut zu machen.

Was würdest du dir in diesem Kontext für die Zukunft wünschen?
Ganz viel: humanere Arbeitszeiten in der Gastronomie, mehr Küchenchefinnen, Job-Sharing. Außerdem größeren Support, gerade für junge Gründerinnen. Vor allem für die, die sich nicht trauen. Ich wünsche mir Familien, die ihre Partnerinnen, Töchter, Enkelinnen und Schwägerinnen ermutigen, dass sie sich die Portionen Mut zu Hause abholen können und dass potenziellen Gründerinnen nicht suggeriert wird: „Lass das mal, das ist eine Nummer zu hoch für dich“. Ich wünsche mir gleiche Chancen für alle, sowohl wenn es darum geht Geld einzusammeln, als auch bei der Care-Arbeit. Vor allem aber wünsche ich mir eins: dass wir über solche Themen nicht mehr sprechen müssen und dass wir keinen Weltfrauentag mehr brauchen.

 

ilka-genaschtIlka von der Ahé
Inhaberin von genascht

Sind Frauen in der Gastro-Szene weniger sichtbarer und wenn ja, woran liegt das?
Ich glaube, es gibt ein paar Probleme, die gesamtgesellschaftlich zu sehen sind und nicht nur auf die Hamburger Gastroszene bezogen werden können. Das wäre zum Einen die schwierigen Situationen, die Frauen im Arbeitsalltag packen müssen, weil sich der Lohn für gleiche Arbeit immer noch nicht durchgesetzt hat. Sobald Kinder geplant oder da sind, werden andere Arbeitszeiten gefordert. Ich kann mir vorstellen, dass es im Restaurantbetrieb kaum Möglichkeiten gibt, diese anzupassen. Das sind alles Umstände, mit denen wohl die meisten Frauen umgehen müssen. Eine weitere Schwierigkeit sehe ich allgemein in der Problematik, dass man als Selbstständige oder Selbstständiger in der Gastronomie schuften muss, um den eigenen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Und damit meine ich wirklich schuften. Keine Angestellte beziehungsweise kein Angestellter würde für so wenig Geld so viel arbeiten – das ist eine Mutmaßung.

Was würdest du dir in diesem Kontext für die Zukunft wünschen?
Wie wäre es, wenn nicht die Stärksten der Maßstab sind. Sondern versucht wird, das Level so zu halten, dass auch die, die tolle Arbeit abliefern, motiviert sind und Spaß am Service, der Dienstleistung und der kreativen Weiterentwicklung des Stadtteils haben – aber eben nicht in der Lage sind, sich komplett aufzuopfern – als Selbständige mit eigenem Laden gesehen werden. Ich glaube, der Druck, der auf allen lastet, die in der Gastronomie tätig sind, ist immens und kann nicht abgebaut werden, wenn sich die Strukturen nicht verändern. Es muss mehr Unterstützung geben, nicht nur für die, die es sich leisten können. Die Stadt wäre sehr viel reicher, wenn die Menschen, die kreativ, motiviert und engagiert in die Selbständigkeit gehen, durch Hilfen länger Bestand hätten und nicht so schnell kaputt gehen würden.

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Interviews: Beke Detlefsen, Jasmin Shamsi & Johanna Zobel