Jüdische Kultur

Lowinsky's: Die Heimat wiederentdecken

Hillel Lowinsky’s Familie floh im Zweiten Weltkrieg nach New York. Vor knapp zehn Jahren kehrte der gebürtige Amerikaner in das Heimatland seiner Familie zurück. Und serviert im Café Lowinsky’s typisch jüdische Speisen in Anlehnung an New Yorker Delis

Zimtschnecken, Grilled Cheese Sandwiches mit Birne oder Champignons, Tahini Brownies und Pistazien-Cookies – all das kommt im Lowinsky’s auf den Tisch. Und in die Tassen  hochwertiger Kaffee und Tee in verschiedenen Variationen. Unweit des Isebekkanals im Lehmweg im Stadtteil Hoheluft befindet sich das Lowinsky’s. Ein kleines Café, dessen Besitzer eine besondere und aufwühlende Geschichte zu erzählen hat. Hillel Lowinsky kam vor acht Jahren nach Hamburg. Seine jüdische Familie floh 1932 aus Deutschland nach Holland, von dort nach Kuba und anschließend nach New York. Die Geschichte seiner Familie habe er lange für sich behalten, weil sich Juden immer noch nicht überall sicher fühlen können. Doch mittlerweile möchte er seine Herkunft nicht mehr verheimlichen: „Meine Vergangenheit verbindet sich mit meiner Kultur und ich möchte mich als 36-jähriger Mann in Deutschland sicher fühlen, ohne mich zu verstecken.“

 

 

Deutschland sei für Hillel ein Stück Heimat, da es die Heimat seiner Familie ist. „Ich bin in Amerika aufgewachsen und erzogen worden, aber ich hatte immer einen Zugang zur deutschen Kultur, da die Familie meines Vaters deutsche Juden waren“, so Hillel. Schon früh habe er bemerkt, dass seine Familie nicht nur „typisch amerikanisch“ ist. „Ich wusste immer, dass ich nicht nur Amerikaner bin, sondern auch Europäer, ein deutscher Jude in Amerika“, führt er fort. Um einen Teil seiner Familie kennenzulernen, reiste Hillel nach Israel und traf dort auf seine aus Deutschland stammende Frau. Die beiden führten eine Fernbeziehung, bis sich Hillel schließlich entschied, nach Deutschland zu ziehen.

Kindheitserinnerungen

2019 eröffnete er dann das Lowinsky’s. Die Gerichte auf der Karte seien vor allem durch sein Zuhause New York und die Familie geprägt. „Mein Papa hat mir bis zu meinem zwölften Lebensjahr das Mittagessen zubereitet. Das waren meistens Sandwiches mit Truthahn, Hähnchen oder Käse, da er ein großer Fan von Deli Sandwiches war“, schwelgt Hillel in Erinnerungen und erzählt vom „Katz’s Deli“, einem Feinkostgeschäft in New York, das jüdisches Essen serviert. Dieses Deli lag gegenüber der Galerie seines Vaters, weshalb sie oft dort essen waren. „Am glücklichsten macht mich salziges und fettiges Essen“, lacht Hillel. Und das verkörpere auch das Essen im Lowinsky’s New York. Dazu wird das Ganze in gemütlicher Umgebung serviert – das befriedige auf einer simplen Ebene, wie er sagt. Wer nun an vor Fett triefende Sandwiches denkt, liegt falsch. Der Geschmack und frische, hochwertige Zutaten stehen im Vordergrund. Daher werden Brot, Kuchen und Kekse im Lowinsky’s selbst hergestellt.

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Hillel Lowinsky eröffnete 2019 das Lowinsky’s im Lehmweg /©Lowinsky’s

Auch auf Kaffee und Tee hat sich das Lowinsky’s spezialisiert. Hillel erzählt, dass er sich etwas an der Teekultur in Hamburg störe. Das Angebot sei gut, allerdings hapere es oftmals an der Zubereitung. „Bei beiden Getränken ist Temperatur und Dosierung wichtig, beim Kaffee kommt der passende Mahlgrad hinzu“, wie er sagt. Das Wissen über die Geschichte der Bohne seien für ihn essenziell und in den Herkunftsländer müssen faire Arbeitsbedingungen herrschen. Laut Hillel sei ein Problem, dass der Beruf des Baristas nicht wertgeschätzt wird und viele Cafés keinen einsetzen. Dadurch sei die Qualität oft nicht angemessen. „Das ist heftig, denn Kaffee und Tee sind stark im Alltag der Menschen verankert“, bemängelt Hillel. „Um so einen guten Kaffee zu produzieren wie der von Lowinsky’s-Barista Kathi, ist viel Übung notwendig. Es ist eine Ehre, aus dieser Bohne einen Espresso zu ziehen und diesen dann mit der geeigneten Milch zu vollenden“, führt Hillel aus, „bei uns werden nur Menschen hinter der Kaffeemaschine stehen, die über ein solides Wissen verfügen.“

 

Das Gebäck im Lowinsky’s stammt aus eigener Herstellung, so auch diese Zimtschnecken /©Noemi Smethurst

Jeder Kunde ist eine individuelle Reise

Hillel ist sichtlich stolz auf seine Mitarbeitenden und vor allem dankbar für deren Engagement. „Kathi ist für die Weiterentwicklung im Laden zuständig. Der Laden war an einem Punkt, an dem es uns gut ging, aber wegen Kathi geht es uns nun noch besser.“ Kathi erzählt, dass Kaffee für sie eine große Leidenschaft ist: „Das ist der Grund, weshalb ich nicht in meinem studierten Beruf arbeite, sondern als Barista.“ Es sei wichtig, ein breites Angebot zu haben, um die Gäste an verschiedenen Punkten abzuholen. Auch eine Omi, die ihren guten alten Filterkaffee trinken möchte, soll bei Lowinsky’s auf ihre Kosten kommen. Die Verbindung mit den Stammgästen sei hier im Lehmweg sehr eng, das habe selbst eine erfahrene Barista wie Kathi vorher nirgendwo erlebt. „Wir schenken eine schöne Zeit, wir schenken positive Energie und ein positives Erlebnis mit qualitativ hochwertigen Produkten. Darauf kommt es letztendlich an.“

Geschafft haben sie das durch Teamwork. Die Crew ist sich einig, dass sie gemeinsam durch gegenseitiges Vertrauen und Wertschätzung das Lowinsky’s dahin gebracht haben, wo es jetzt steht.

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Text: Karoline Gebhardt genießt die Vielfalt der Hamburger Gastroszene und die kulturellen Gefilde der Hansestadt. Außerdem spielt sie Bass und fängt mit ihrer Analogkamera die Facetten Hamburgs ein.