3 Minuten Lesedauer / Kolumnen

Caffè con Vincenzo

Bratwurst, Salsiccia und die Sache mit den Saucen

In einem sind sich laut Vincenzo Andronaco Deutsche und Italiener erstaunlich ähnlich: die Liebe zum Grillen. Wo es dennoch Unterschiede gibt und wie Andronaco selbst am liebsten grillt, verrät er in seiner Kolumne 

Gehört für Vincenzo Andronaco zu einem gelungenen Grillfest dazu: ein frischer Pulpo-Salat / ©Andronaco/KI
Gehört für Vincenzo Andronaco zu einem gelungenen Grillfest dazu: ein frischer Pulpo-Salat / ©Andronaco/KI

Seit über 50 Jahren lebe ich nun in Deutschland. Und eines habe ich schnell gelernt: Sobald sich die Sonne zeigt, wird der Grill angeheizt. Da sind sich Deutsche und Italiener erstaunlich ähnlich. Vielleicht grillen die Deutschen sogar etwas mutiger – manchmal bei Temperaturen, bei denen wir Italiener noch überlegen würden, ob wir nicht lieber einen Pullover anziehen.

Was ich an den Deutschen besonders mag: Es braucht keinen besonderen Anlass. Ein paar Sonnenstrahlen, Familie oder Freunde – und schon sitzt man gemeinsam draußen. Genau darum geht es schließlich: zusammenzukommen, gut zu essen und den Moment zu genießen. Da unterscheiden wir uns gar nicht so sehr. Wenn ich in Deutschland zum Grillen eingeladen bin, muss ich allerdings manchmal schmunzeln. Da stehen fünf verschiedene Senfsorten, Ketchup, Barbecue-Sauce, Kräuterbutter und die unterschiedlichsten Dips auf dem Tisch. Das hat natürlich seinen Reiz – schließlich möchte jeder seine Gäste verwöhnen. Ein Italiener würde dagegen wahrscheinlich zuerst fragen: „Ist denn mit der Wurst etwas nicht in Ordnung?“ Natürlich ist das mit einem Augenzwinkern gemeint. Aber tatsächlich denken wir beim Grillen oft etwas anders. Für uns steht nicht die Sauce im Mittelpunkt, sondern das Produkt. Wenn eine gute Salsiccia aus hochwertigem Fleisch hergestellt und perfekt gewürzt ist, warum sollte man ihren Geschmack unter Ketchup oder Senf verstecken?

Der eigentliche Unterschied liegt oft gar nicht darin, WAS wir grillen, sondern WIE.“

Ich grille übrigens selbst unglaublich gerne. Natürlich kommt bei mir auch eine gute Salsiccia auf den Rost. Genauso liebe ich aber ein schönes Steak, ein zartes Lammkarree, hauchdünne Rinderfiletscheiben, die nur ganz kurz gegrillt werden, oder frischen Fisch und Garnelen.

Der eigentliche Unterschied liegt oft gar nicht darin, WAS wir grillen, sondern WIE. Während hierzulande Fleisch häufig vorher ausgiebig mariniert wird, genügen mir meist ein hochwertiges natives Olivenöl extra, etwas grobes Meersalz, frisch gemahlener Pfeffer und – wenn es passt – ein Hauch Knoblauch oder ein Spritzer Zitrone. Ich möchte das Fleisch, den Fisch oder die Garnele schmecken – nicht die Marinade.

Auch bei den Beilagen gibt es schöne Unterschiede. In Deutschland gehören häufig Kartoffel- oder Nudelsalat dazu. Bei uns in Italien steht oft eine Parmigiana di Melanzane auf dem Tisch – ein herrlicher Auberginenauflauf mit Tomatensauce, Käse und viel Liebe. Das Schöne daran: Man kann ihn wunderbar schon am Vortag zubereiten und sowohl warm als auch kalt genießen. Ehrlich gesagt schmeckt er mir am nächsten Tag fast noch besser.

Zeit für das, worauf es ankommt: die Menschen am Tisch.

An heißen Sommertagen darf für mich außerdem ein Pulposalat nicht fehlen. Auch den bereitet man ganz entspannt vorher zu. Während auf dem Grill noch alles brutzelt, steht der Salat längst bereit. Das nimmt dem Gastgeber viel Hektik – und am Ende bleibt mehr Zeit für das, worauf es eigentlich ankommt: die Menschen am Tisch.

Wenn Sie Ihre Gäste einmal italienisch überraschen möchten, beginnen Sie den Abend doch mit einem kleinen Aperitivo. In Italien kommt selten sofort das Essen auf den Tisch. Man begrüßt sich, unterhält sich, genießt ein paar Kleinigkeiten und stimmt sich gemeinsam auf den Abend ein. Das Essen ist wichtig – aber die gemeinsame Zeit ist noch wichtiger. Und weil zu einem gelungenen Grillabend natürlich auch ein gutes Glas Wein gehört, greife ich im Sommer am liebsten zu einem frischen Weißwein. Ein Vermentino, ein Lugana oder ein mineralischer Weißwein aus Südtirol passen wunderbar zu Gegrilltem und lassen den Produkten auf dem Teller den Vortritt. Genau so mag ich das.

Vielleicht ist das am Ende das eigentliche Geheimnis einer italienischen Grigliata.

Es geht gar nicht darum, möglichst viel auf den Grill zu legen oder möglichst viele Beilagen aufzutischen. Es geht darum, sich Zeit zu nehmen. Für gute Zutaten. Für gute Gespräche. Und für die Menschen, mit denen man gerne am Tisch sitzt. Und wenn dabei der deutsche Kartoffelsalat neben einer italienischen Parmigiana steht, dann ist das für mich eigentlich die schönste Form der deutsch-italienischen Freundschaft.

Buon appetito!
Ihr Vincenzo Andronaco

Statt Bratwurst landet bei einer italienischen Grigliata klassische Salsiccia auf dem Grill/ ©Andronaco / KI 
Statt Bratwurst landet bei einer italienischen Grigliata klassische Salsiccia auf dem Grill/ ©Andronaco / KI 
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Vincenzo Andronaco ist Gründer, Feinkostexperte und leidenschaftlicher Botschafter italienischer Genusskultur. Seit über 40 Jahren bringt der gebürtige Sizilianer mit Andronaco authentische Spezialitäten, herausragende Produzenten und das Lebensgefühl seiner Heimat nach Deutschland. Mit feinem Gaumen, großer Leidenschaft und einem einzigartigen Netzwerk gilt er heute als einer der besten Kenner italienischer Kulinarik im deutschsprachigen Raum.