Gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit

Alles eine Sache der Bildung?

Die Wahl des Essens hat Auswirkungen auf die Umwelt. Wie wichtig eine möglichst frühzeitige Ernährungsbildung ist und warum auch Gastronomen für eine gesunde und nachhaltige Versorgung verantwortlich sind, haben uns drei Experten verraten

 

Text: Beke Detlefsen

Sarah Wiener ist nicht nur eine bekannte Fernsehköchin, sondern auch Gründerin der Sarah Wiener Stiftung, die sich praktischer Ernährungsbildung verschrieben hat. Kinder können hier ihren Geschmack trainieren und lernen, was in dem Essen steckt, woher die Lebensmittel kommen und was man damit kochen kann. "Die Geschmacks- und Esserfahrungen, die wir als Kind machen, prägen uns ein Leben lang und haben Einfluss auf unsere Gesundheit", erklärt die Köchin, "mit Ernährungsbildung stärken wir die Eigenverantwortung unserer Kinder, ihr Selbstvertrauen." Die Initiative will Kinder zu selbstbestimmten Essern und Verbrauchern machen – sie sollen selber entscheiden können, was auf den Teller und in ihren Mund kommt.

Der Zusammenhang zwischen Bildung und Ernährung

Laut der letzten großen Verzehrstudie im Jahr 2008 ist mehr als die Hälfte der Deutschen übergewichtig. Ein weiteres Ergebnis der bundesweiten Studie ist der Zusammenhang zwischen Bildung und Ernährung: Je höher der Bildungsgrad, desto weniger Menschen sind von Fettleibigkeit betroffen. Und die Studie konnte weit verbreitetes Unwissen in Deutschland über gesunde und ungesunde Ernährung feststellen.

Ein Ergebnis, das Thomas Sampl von der Hobenköök im Oberhafen nicht überrascht. Vor der Pandemie hat er Kochkurse für Kinder und Ausflüge auf Bauernhöfe angeboten. Manche der teilnehmenden Kinder hätten noch nie eine Karotte in der Hand gehalten, ein Ei getrennt oder gar Erdbeeren gesehen. "Als Mittagessen hatten einige Kinder rohe Instantnudeln dabei. Da war nicht einmal ein Pausenbrot im Ranzen", berichtet der Inhaber der Markthalle, die gleichzeitig Restaurant und Veranstaltungsort ist.

 

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Wochenmarkttouren, Kochkurse, Ausflüge auf den Bauernhof: Bei Thomas Sampl hat das Thema Ernährungsbildung Priorität / ©Hobenköök

 

"Wie schlimm ist es, wenn Kinder nicht mehr wissen, woher der Apfel kommt oder dass die Salami nicht im Supermarkt wächst, sondern von einem Tier stammt, das sein Leben dafür gelassen hat", zeigt sich auch Christin Siegemund bestürzt. Die Mutter von Zwillingen hat 2020 das neue Kreativlabor in Hamburg eröffnet: Im foodlab in der HafenCity. Im foodlab ist jeder willkommen, der sich für gutes Essen und kreative Food-Ideen interessiert – logisch, dass der Unternehmerin Ernährungsbildung darum auch eine Herzensangelegenheit ist.

Gesund und nachhaltig: Unsere Ernährung hat Einfluss auf unsere Umwelt

Denn dass Unwissenheit nicht nur Folgen für die eigene Gesundheit hat, sondern sich auch auf die Ökosysteme auswirkt, betont auch das Bundeszentrum für Ernährung. Wie Lebensmittel produziert werden, bestimmt ganz stark auch diese Systeme. Und nur, wer weiß, woher die Lebensmittel stammen, kann auch eine nachhaltige Ernährung fördern. "Wir sollten wissen, was es bedeutet, wenn wir ein Steak aus Südamerika essen", betont auch Thomas Sampl. "Es ist aus Nachhaltigkeitsgründen wichtig, genau zu schauen, wie und wo Lebensmittel hergestellt wurden." Essen müsse nicht aus weiter Ferne kommen. Viel wichtiger sei, dass die Zutaten frisch und saisonal sind. Das sei ganz automatisch nachhaltiger, so Sampl. Er will mit seinen Projekten das Bewusstsein der Kinder für Anbau und Herkunft von Lebensmittel stärken. Und seiner Erfahrung nach weckt genau das auch große Begeisterung. "Kinder feiern Gemüse, wenn sie es kennenlernen", erklärt er, "und gesundes Essen schmeckt auch allen anderen besser."

 

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Christin Siegemund vom foodlab veröffentlicht auf ihrem Food-Blog Hamburger Deern auch gesunde Rezepte für die ganze Familie / ©David Strüning

 

Christin Siegemund betont, dass es bei der Ernährungsbildung nicht nur um Wissensbildung, sondern auch um das Bilden der Geschmacksknospen gehe. "Es kann nicht gesund sein, wenn Kinder mit dem Geschmack von Frittiertem, Überwürztem oder zu Süßem aufwachsen", erklärt sie, "wenn wir jetzt in den Restaurants daran arbeiten, gesünderes Essen für Kinder anzubieten, können alle nur gewinnen." Sie selbst hält viel von der persönlichen Ansprache von Gastronomen: "Weg von Pasta mit Butter und Parmesan, Chicken Nuggets, Burgern und Fischstäbchen. Irgendwas lässt sich in der Küche doch immer finden, was auch Kindern schmeckt."

Auch Sarah Wiener sieht die Gastronomen in der Verantwortung: "Jeder Koch und jede Köchin entscheidet ein bisschen darüber, welche Art von Landwirtschaft wir betreiben und fördern." Die Gastronomie könne also indirekt durch hochwertige und frische Zutaten, Transparenz und Vielfalt die Lust auf und das Wissen über Lebensmittel befördern.

Ernährungsbildung für alle Altersgruppen

"Die wichtigsten Lehrerinnen und Lehrer sind aber nach wie vor unsere Vorbilder: also unsere Eltern und Großeltern", betont dagegen Christin Siegemund. Gemeinsam zu kochen und zu essen und dadurch auch gemeinsame Erlebnisse zu schaffen, hält sie für die wichtigste und nachhaltigste Aufklärung. Dem kann auch Sarah Wiener zustimmen: "Mit uns Eltern lernen unsere Kinder am Familientisch essen. Wir können mit den Kindern frisch und regional kochen, sie unverarbeitete Lebensmittel entdecken lassen und ihnen zeigen, dass Tomaten auch gelb oder grün sein können."

 

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Ernährungsbildung zum Anfassen: Die Sarah Wiener Stiftung bietet Bauernhof-Ausflüge wie auf das Gut Wulfsdorf bei Ahrensburg / ©Sarah Wiener Stiftung/photothek

 

"Damit aber auch alle Eltern eine solche Unterstützung leisten können, brauchen wir eine gezielte Ernährungsbildung für alle Altersgruppen", ergänzt Thomas Sampl. Nur so könne das Bewusstsein für eine nachhaltige Ernährung geschärft werden. "Leider wird das Thema in der Schule sehr vernachlässigt", bedauert er, "das ist ein großes Problem." Dem stimmt auch Sarah Wiener zu. Die Köchin setzt sich darum auch für mehr Ernährungsbildung in den Schulen ein. "Was Kinder früher nebenbei zu Hause am Küchentisch gelernt haben, ist durch die Ganztagsbetreuung vermehrt Aufgabe von Kita und Schule geworden."