Draußen sitzen die Menschen in der Sonne. Gläser klirren, Gespräche mischen sich mit dem Verkehr der Bahrenfelder Straße. Vor dem Lily of the Valley sind die Tische gut besetzt. Drinnen ist es ruhiger, doch in der Küche herrscht geschäftiges Treiben: Es wird gebrutzelt, geschwenkt und angerichtet. Alles wirkt beinahe so, als wäre nie etwas gewesen. Dabei ist genau das erst seit wenigen Wochen wieder möglich.
Das Restaurant ist unser Andenken an unseren Sohn und seine Arbeit
Asya Uzun, Mutter von Cengiz Özdemir
Erst im Januar starb Cengiz Özdemir in Folge einer Krebserkrankung. Er war der Inhaber des Lily of the Valley und des Bistro Ivy – für viele Gäste aber vor allem der Mensch, der dem Restaurant sein Gesicht und seinen besonderen Zauber gab. Trotz Schnee und eisiger Temperaturen kamen mehr als 1000 Menschen am 28. Januar zu seiner Beerdigung. Danach blieb das Lily of the Valley zunächst geschlossen. Nicht, weil die Familie nicht weitermachen wollte, sondern weil die Trauer zu groß war. „Cengiz’ Papa und ich sind jeden Tag ins Lily gekommen und haben zusammen geweint“, erzählt seine Mutter Asya Uzun. „Es ist wie ein Tempel für uns gewesen.“ Auch wenn der Betrieb geschlossen war, standen die Türen offen. Immer wieder kamen Menschen herein: Fremde, Freunde und Stammgäste. Manche schrieben letzte Worte in das Kondolenzbuch, andere erzählten von ihren Erinnerungen an Cengiz. Viele boten ihre Hilfe an und immer wieder hörten seine Eltern denselben Satz: Das Restaurant wird gebraucht. „Hier lebt Cengiz weiter“, sagt Uzun. „Und dann haben wir uns entschlossen, dass wir das doch weitermachen wollen.“
Ein Andenken, das weiterlebt
Seit Ende Juli ist das Lily of the Valley nun wieder geöffnet. Das alte Team ist geblieben. Niemand habe die Familie im Stich gelassen, erzählt Uzun. Gemeinsam wurde renoviert, aufgeräumt, repariert – auch wenn zunächst kaum Geld da war. Und auch das Konzept ihres Sohnes und seines Vaters ist geblieben. „Der Papa und mein Sohn, die haben das zusammen gemacht. Das war ihr Konzept, so geht es auch weiter.“ Die Karte wechselt weiterhin jede Woche – es wird frisch gekocht und immer wieder etwas Neues ausprobiert. Und auch die Stammgäste haben schnell zum Lily of the Valley zurückgefunden. Für das Team ist das ein Grund zur Freude – und gleichzeitig einer, der den Verlust besonders deutlich macht.
Asya Uzun erkennt viele der Gäste wieder. Cengiz hätte sie alle gekannt, sagt sie. Nicht nur mit Namen. Er kannte ihre Geschichten. „Ich sehe die Menschen und dann denke ich: Oh, wenn jetzt mein Sohn kommen würde, würde er mit jedem sprechen wollen. Mein Gott, das wäre so cool, wenn er jetzt hier wäre.“ Auffällig ist, wie gegenwärtig ihr Sohn für sie noch immer ist: Uzun spricht von Cengiz in der Gegenwart, als wäre er nur kurz nicht im Raum. Die vergangenen Monate haben ihre Spuren hinterlassen, die Trauer ist ihr anzumerken. Vor seinem Tod, erzählt sie, habe sie noch keine grauen Haare gehabt. Heute reicht das Weiß bis zu ihren Ohren. „Wenn man eine solche Last trägt und solche Trauer fühlt, dann altert man schneller“, sagt sie. Doch kurz darauf findet sie einen Gedanken, der ihr hilft: „Ich denke, dass er uns von da, wo er ist, sehen kann. Und das macht ihn bestimmt glücklich, dass Mama und Papa, seine Gäste, seine Freunde und alle einfach an ihn denken und weitermachen.“
Nah am Lily, nah an Cengiz
Die Familie hat einen konkreten Wunsch für die Zukunft: Sie sucht eine Wohnung in Ottensen, möglichst in der Nähe des Lily of the Valley. „Friedhof, Lily, Friedhof, Lily – das ist mein Alltag“, erzählt Uzun. Auf dem Friedhof besucht sie ihren Sohn, im Lily of the Valley fühlt sie seine Nähe auf andere Weise. Dort, wo sie aktuell leben, spüre sie seine Präsenz jedoch nicht, was sie regelmäßig an das erinnere, was sie verloren habe. Eine Wohnung in der Nähe des Restaurants würde deshalb viel Gutes miteinander verbinden: einen Ort, an dem sie sich mit ihrem Sohn verbunden fühlt, an dem sie um ihn trauern und zur Ruhe kommen kann. Für sie wäre allerdings nicht nur die Nähe zu Cengiz wichtig, sondern auch die praktische Erleichterung. Die 60-Jährige ist gehbehindert, auf einen Rollator angewiesen und wohnt derzeit im zweiten Stock. Einen Dringlichkeitsschein habe sie bereits, bislang habe sich bei der Wohnungssuche jedoch nichts getan. „Natürlich würde ich mich freuen, wenn wir eine Wohnung in Ottensen oder Altona hätten. Dann bin ich nah am Lily und auch an meinem Sohn.“ Bis dahin bleibt nur das Warten. Und das Lily of the Valley, das für sie und ihren Mann viel mehr ist als nur ein Restaurant.
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