Tim Raue hat gastronomisch fast alles erreicht: Neben seinem doppeltbesternten Restaurant Tim Raue in Kreuzberg laufen viele weitere Gastronomiekonzepte unter seinem Namen. Dazu gehören unter anderem ein Lokal im Berliner Fernsehturm sowie diverse Restaurantkonzepte auf den Schiffen der Kreuzfahrtmarke Mein Schiff von TUI Cruises. Durch seine Auftritte bei „Kitchen Impossible“, „The Taste“ oder „Chef’s Table“ auf Netflix wurde er einem größeren Publikum bekannt. Raues Geschichte ist dabei keine gewöhnliche. Im Berliner Stadtteil Kreuzberg wuchs er unter teils schwierigen Verhältnissen auf und war Mitglied einer Jugendbande. Genau diese harte Kindheit prägte ihn und legte den Grundstein für seinen gastronomischen Erfolg.
Tanya Kumst: Deine Kindheit war nicht einfach. Welche schönen Erinnerungen hast du denn trotzdem an diese Zeit?
Tim Raue: Ich durfte alle sechs bis acht Wochen zu meinen Großeltern. Meine Eltern haben sich früh getrennt und das waren die Eltern meines Vaters. Für mich waren diese Momente deshalb so prägend, weil sich dort um mich gekümmert wurde. Meine Mutter hat sehr viel geraucht und dementsprechend habe ich gestunken. Meine Großmutter hat mich dann erst mal ausgezogen, geduscht und die Klamotten zweimal gewaschen. Und es gab dort eben Essen, weil meine Mutter nie für mich gekocht hat. Ich kannte nur das Essen vom Hort oder hab mich bei meinen türkischen Freunden ins Familienessen reingeschlichen. Bei meiner Oma gab es jeden Mittag selbst gekochtes Essen und abends Stullenbrett. Das war für mich ein Paradies! Da habe ich die ersten Aromenwelten kennengelernt: Süße, Säure, Schärfe. Ich habe mir immer ihren falschen Hasen (Anm. der Redaktion: Hackbraten) gewünscht, weil sie von einer Freundin aus Tschechien getrocknete Steinpilze bekommen hat und daraus eine Rahmsoße gekocht hat. Das hat die Seele, das Herz und den Bauch einfach gewärmt.
Bei meiner Oma gab es jeden Mittag selbst gekochtes Essen und abends Stullenbrett. Das war für mich ein Paradies!
Tim Raue
Du hast es mit viel harter Arbeit weit gebracht. Gibt es Momente, in denen du dich einfach mal zurücklehnst, auf deinen Lebenslauf schaust und dankbar bist, dass alles so gut läuft?
Dankbar bin ich durchaus mehrmals am Tag. Ich lebe mittlerweile sehr privilegiert, auch wenn ich unterprivilegiert groß geworden bin. Natürlich ist viel Prägendes in meiner Jugend passiert, aber das Wichtigste ist, dass ich noch nie morgens aufgestanden bin und gedacht habe: „Ich bin eine geile Sau.“ Es ist eher umgekehrt: Ich bin extrem selbstkritisch. Mein Fokus war immer: liefern, arbeiten und fleißig sein. Hauptsache, ich werde nicht faul.
Apropos Fleiß: Du betreibst verschiedenste Restaurantkonzepte, von der Currywurst bis zur Sterneküche, an verschiedensten Orten. Wie bekommst du das alles unter einen Hut?
Ich bin, glaube ich, ein bisschen naiv. Ich mache mir da nicht so viele Gedanken drüber. Auf mich kommen immer wieder neue Herausforderungen zu. Die müssen dann bestmöglich gelöst werden. Ich habe einfach sonst Langeweile. Mein Leben wird viel durch die Arbeit definiert. Als Erstes kommen die Verpflichtungen meiner Frau gegenüber. Wo sie ist, bin ich auch. Dann kommen die Betriebe. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die mit Freunden ins Kino oder bowlen gehen. Ein freier Tag ist für mich ein klassischer Sonntag. Da stehe ich etwas später auf, so um halb sieben oder sieben und dann muss ich ein paar Stunden Büro machen. E-Mails und den ganzen administrativen Quatsch, den ich nicht so schätze.
Ich bin extrem selbstkritisch.
Tim Raue
Hast du noch einen Lebenstraum? Etwas, was du unbedingt erreichen möchtest?
Ich hätte gerne in einem Hotel, das zu einer Weltklasse-Hotelgruppe gehört, ein eigenes Restaurant. Das muss auch nicht unbedingt in Deutschland sein.
Hast du eine Bucket-List?
Keine klassische. Ich bin immer am Rotieren. Ich habe lange Wein gesammelt, aber irgendwann ist mein privater Weinkeller ausgeräumt worden. Da waren Flaschen, auf die ich Jahre gewartet habe, um sie zu bekommen. Das würde ich heute nicht mehr machen. Heute kaufe ich etwas und trinke es übermorgen. Ich schiebe nichts zwei oder drei Jahre vor mir her. Ich weiß zum Beispiel, dass ich bald wieder nach Mauritius und nach Miami möchte. Beide Orte haben mich unfassbar beeindruckt und inspiriert. Ich war da einfach zu kurz, um das abzuhaken.
Warum sollten junge Menschen deiner Meinung nach in der Gastronomie arbeiten? Was macht die Branche aus?
Wir haben in der Gastronomie noch immer das Problem, dass der Ruf der Branche schlechter als der tatsächliche Stand ist. Es wird über Zustände gesprochen, die vielleicht vor 15 oder 20 Jahren geherrscht haben. Ich finde, dass die Gastro einen großen Vorteil hat: Du hast ein ganz schnelles Feedbacksystem. Wenn du richtig gut drauf bist, bekommst du viel Trinkgeld und positives Feedback von Gästen. Außerdem kannst du dich in der Gastronomie sehr schnell entwickeln und vorwärtskommen. Du kannst in der ganzen Welt arbeiten, dir sind keine Grenzen gesetzt. Wenn du willst, kannst du eine wahnwitzige Erfolgsgeschichte schreiben – übrigens in jeder Position, egal ob im Service, in der Küche oder als Sommelier. Das finde ich an der Branche außergewöhnlich.
