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Public Viewing 

WM-Ärger in Altona: Gastronomen zwischen Torjubel und Lärmschutz 

Während der Fußball-WM gemeinsam draußen mitfiebern? In Altona sorgt genau das für Diskussionen. Ein Schreiben des Bezirksamts zu den Regeln für die Außengastronomie stößt bei Gastronomen und Politik auf Kritik

24. Juni 2026 von Alina Fedorova

 Die strengen Vorgaben zu Public Viewing in der Außengastronomie in Altona sorgten für scharfe Kritik von Gastronomie und Politik/ ©Bergmanngruppe / Thomas Panzau
 Die strengen Vorgaben zu Public Viewing in der Außengastronomie in Altona sorgten für scharfe Kritik von Gastronomie und Politik/ ©Bergmanngruppe / Thomas Panzau

Public Viewing in der Außengastronomie gehört für viele Menschen zur Fußball-Weltmeisterschaft dazu wie das kalte Bier zum Torjubel. Für Gastronomiebetriebe ist das Sportgroßereignis zudem ein wichtiger Umsatzfaktor. Doch in Altona sorgt ein Behördenschreiben derzeit für gedämpfte Stimmung statt Jubelrufe. Vier Tage nach dem Start der Fußball-WM verschickte das Bezirksamt Altona ein Schreiben mit der Überschrift „WM 2026: Hinweise an die Gastronomie“. Darin erinnert die Behörde an die bestehenden Lärmschutz-Vorgaben für die Außengastronomie in Altona.

Aufgeführt werden sechs Punkte, die unter anderem Beschallung über Lautsprecher, Fernseher und Beamer im Außenbereich, Live-Musik sowie Lärm aus Innenräumen bei geöffneten Türen betreffen. Eine Bildübertragung ohne Ton auf der Terasse ist auch verboten – ohne Ausnahmen für Public Viewing während der WM, wie es sonst toleriert wurde. „Wir zeigen die Spiele auf einem Bildschirm, der zur Terrasse hin sichtbar ist, damit unsere Gäste mitschauen können“, erklärt La-Sepia-Betreiber Bendix Sander-Knauer. Jetzt bleibt der Ton in der Schanze aus: „Eine über zehn Jahre im ganzen Viertel selbstverständliche Praxis wird plötzlich mitten im Turnier beanstandet.“ Das sorgt nicht nur für Ärger bei Gastronomen, sondern auch in der Bezirkspolitik.

Bezirksamt verweist auf bestehende Regeln

Das Bezirksamt Altona weist die Kritik zurück. Auf Anfrage des Genuss-Guides verweist Pressesprecher Mike Schlink auf die veröffentlichte Stellungnahme, in der es heißt, die Aufregung sei unbegründet. Das Schreiben habe lediglich auf die bereits bestehenden rechtlichen Rahmenbedingungen hingewiesen. Tonübertragungen und Beschallungen seien in Sondernutzungserlaubnissen für die Außengastronomie stadtweit grundsätzlich ausgeschlossen. Doch bisher wurde die Praxis bei EM- und WM-Meisterschaften laut Gastronomen geduldet: „Das ist ein Unding“, klagt Sander-Knauer. „Nicht die Regel allein, sondern vor allem Zeitpunkt, Ton und die Art, wie das Schreiben überbracht wurde. Die Forderung, den Fernsehton auszuschalten, geht zudem an der Realität vorbei. Was man bei einem Spiel hört, kommt nicht aus dem Gerät – es kommt von Menschen, die mitfiebern, jubeln und sich freuen. Genau dieses Leben macht den Sommer in der Schanze aus.“

Ein allgemeines Schreiben vier Tage nach Anpfiff, nachdem eine solche Regel über viele Jahre nie in dieser Form angewendet wurde, wirkt weder abgestimmt noch verlässlich

Bendis Sander-Knauer, La Sepia Betreiber

Doch laut Bezirksamt sei der Wunsch nach klaren Regelungen aus der Gastronomie selbst an die Verwaltung herangetragen worden. In Altona werde weiterhin „Augenmaß praktiziert und auf das rücksichtsvolle Miteinander vertraut – auch in Zeiten der späten WM-Spiele“, so die Behörde. Für Loannis Angelidi, der das griechische Restaurant Nostalgia sowie eine gleichnamige Sportsbar betreibt, bleibe es trotzdem in einer unfairen Grauzone: Viele Lokale würden weiterhin draußen TV-Geräte aufstellen – und werden demzufolge während der Spielzeiten besonders bei gutem Wetter mit mehr Kundschaft belohnt. „Wir wünschen uns, dass sich jeder an die Regeln hält und sich die Behörde dann auch darum kümmert, dass diese durchgesetzt werden.“ Der La-Sepia-Chef wünscht sich vor allem eine Kommunikation auf Augenhöhe: „Ein allgemeines Schreiben vier Tage nach Anpfiff, nachdem eine solche Regel über viele Jahre nie in dieser Form angewendet wurde, wirkt weder abgestimmt noch verlässlich.“

Loannis Angelidi überträgt die WM-Spiele nur noch in der Nostalgia Bar, im Restaurant verzichtet er gänzlich auf Bildschirme / ©Ida Bohlen
Loannis Angelidi überträgt die WM-Spiele nur noch in der Nostalgia Bar, im Restaurant verzichtet er gänzlich auf Bildschirme / ©Ida Bohlen
Hier bleibt der Ton nun aus: Im La Sepia können Fußball-Fans die WM nur noch per Bildübertragung verfolgen / ©La Sepia
Hier bleibt der Ton nun aus: Im La Sepia können Fußball-Fans die WM nur noch per Bildübertragung verfolgen / ©La Sepia

Politik fordert mehr Augenmaß bei Public-Viewing

Auf Seiten der Politik kommt Kritik unter anderem von der FDP-Fraktion Altona. In einer Pressemitteilung mit dem Titel „Zur Fußball-WM muss niemand zum Jubeln in den Keller gehen“ fordert die Fraktion das Bezirksamt auf, bestehende Ermessensspielräume verhältnismäßig und mit Augenmaß anzuwenden. „Eine Fußball-Weltmeisterschaft lebt von Gemeinschaft, Emotionen und dem gemeinsamen Erleben. Wer glaubt, die Hamburger müssten zum Fußballschauen, Jubeln und Feiern in den Keller gehen, hat den Charakter eines solchen Sportereignisses nicht verstanden“, erklärt Constantin Jebe, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Fraktion Altona. Mit einem Antrag für die Bezirksversammlung am 25. Juni fordert die FDP eine verhältnismäßige Verwaltungspraxis: „Kurzfristiger Torjubel oder emotionale Reaktionen dürfen nicht isoliert betrachtet werden, sondern müssen im Zusammenhang mit einem zeitlich begrenzten internationalen Sportgroßereignis bewertet werden.“

Es ist ein grundsätzliches Problem der Hamburger Verwaltung, spaßbefreit die Außengastronomie zu gängeln

CDU-Fraktionschef Sven Hielscher

Auch bei CDU-Fraktionschef Sven Hielscher trifft das Behördenvorgehen auf Unverständnis, der das totale Verbot von Bild- und Tongeräten in der Außengastronomie für unverhältnismäßig einstuft. „Es sollte Lockerungen durch Ausnahmeregelungen geben, mindestens eine BildTV-Erlaubnis ohne Ton beziehungsweise eine Erlaubnis für Ton unter Wahrung des Rücksichtnahmegebotes in Wohngebieten“, schlägt er vor. Auch hätte das Bezirksamt auf die Möglichkeit, Ausnahmen beantragen zu können, hinweisen sollen. „Es ist ein grundsätzliches Problem der Hamburger Verwaltung, spaßbefreit die Außengastronomie zu gängeln, sich mittelstandsfeindlich zu verhalten und sich als sportfeindliche Stadt (siehe halbherzige Olympiakampagne) darzustellen.“

Gastronomie fordert Ausnahmeregelungen für Fußball-WM

Auch Jens Stacklies, Vizepräsident des Dehoga Hamburg, kann die Kritik nachvollziehen. Für ihn könnten zeitlich begrenzte Ausnahmegenehmigungen ein sinnvoller Kompromiss sein. „Natürlich muss es eine gegenseitige Rücksichtnahme geben, aber es benötigt für solche besonderen Anlässe Ausnahmegenehmigungen“, sagt er. Die Gastronominnen und Gastronomen seien enttäuscht und fühlten sich „wieder einmal gegängelt“. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten könne gemeinsames Fußballschauen zusätzliche Gäste in Restaurants und Bars bringen.

Erinnern wir uns an das Sommermärchen, als ein ganzes Land Seite an Seite mitfieberte und wir als offene, begeisterte Gastgeber die Welt willkommen hießen

Jens Stacklies, Vizepräsident des Dehoga Hamburg

Ähnlich sieht es Sander-Knauer: „So eine Lösung entsteht im Gespräch, nicht per Rundschreiben.“ Anwohnerschutz sei wichtig, doch die Geräuschkulisse einer belebten Außengastronomie entstehe vor allem durch Menschen, Verkehr und das Leben im Viertel – nicht durch ein Fernsehgerät. Für ihn bleibt deshalb eine grundsätzliche Frage offen: „Warum muss ausgerechnet so ein verbindender Moment freudloser gemacht werden?“ Auch für Stacklies steht vor allem der gesellschaftliche Wert solcher Ereignisse im Vordergrund: „Erinnern wir uns an das Sommermärchen, als ein ganzes Land Seite an Seite mitfieberte und wir als offene, begeisterte Gastgeber die Welt willkommen hießen. Sport funktioniert genau wie Musik: Er überwindet Barrieren. Die Fußball-WM bleibt das Symbol für diese verbindende Kraft und erschafft schöne gemeinsame Momente.“

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Ob Phở Bo oder Ramen: Asiatische Nudelsuppen könnte Alina Fedorova zu jeder Jahres- und Tageszeit schlürfen. Lange Zeit in der Gastro tätig, hat sie Tablett gegen Tastatur getauscht und schreibt jetzt über Hamburgs Gastro-Szene. Oft steht sie selbst hinterm Herd und kocht Rezepte aus aller Welt.