Ein Sommertag, wie er heißer kaum sein könnte: Die Sonne brennt auf das Kopfsteinpflaster am historischen Serrahn-Hafen, während sich eine Gruppe in leichter Leinen-Montur versammelt. Mit ihren Strandhüten, Panamas und Sonnenbrillen wirken sie ein wenig wie Strandurlauber kurz vor Aufbruch. Doch statt ans Meer geht’s heute auf eine Zeitreise durch die Blütezeit Bergedorfs – serviert in drei Gängen bei der neuen Sonntagsbraten Menü-Tour von Urban Guru. Zwischen Grünanlagen und Baukunst, vorbei an Villen und Wasserläufen, geht es von Restaurant zu Restaurant, begleitet von Geschichten aus mehreren Jahrhunderten.
Vom Dorf an der Bille zur Handelsstadt
Die heutige Tour begleitet Susanne Lenz-Leußler. Die gebürtige Husumerin ist bestens mit der Bergedorfer Geschichte vertraut. Nachdem die Wasserflaschen verteilt sind, erzählt die Stadtführerin von der Geburtsstunde Bergedorfs. „Die ersten Siedler kamen im 12. Jahrhundert in die matschige Marsch.“ Schnell wuchs der Ort von einem kleinen Dorf an der Bille zu einem bedeutenden Handelsplatz heran. Bis heute gilt der Stadtteil als Tor zu den Vier- und Marschlanden, aus denen seit Jahrhunderten Gemüse, Blumen und Obst in die Hansestadt gelangen. Denn die Lage mit seinen gut vernetzten Wasserwegen machte Bergedorf begehrt. Mit dem Wegfall der Zollgrenze, als Hamburg nach 450 Jahren geteilter Regentschaft Lübeck ausbezahlte, nahm die Entwicklung zum Industriestandort weiter an Fahrt auf. Den Status als Hamburger Stadtteil erhielt Bergedorf schließlich 1938 mit der endgültigen Eingemeindung in die Hansestadt.
Mit dabei sind auch zwei Bergedorfer Urgesteine: Michael Lippke und Harald Scheer aus den Vierlanden kennen sich schon seit Kindertagen, kennen den Bezirk seit fast 66 Jahren. Ihre Ehefrauen kennen sich übrigens ebenfalls seit Jahrzehnten – sie sind Schwestern. „Ist eben doch ein Dorf“, sagt Lippke. „Doch auch wenn man hier aufgewachsen ist, lernt man immer wieder neue Facetten kennen“, sagt Scheer.


Schon meldet sich langsam der Appetit. Nur wenige Schritte später biegen wir in den Suhrhof ein. „Den kennen wir noch von früher. Hier hat sich schon immer das Leben abgespielt“, erzählt Scheer. „Anfang der Achtziger haben wir uns oft im Chacko rumgetrieben“, ergänzt Lippke. Die Kult-Disco ist längst verschwunden. Geblieben sind eine Kneipe, eine Cocktailbar und ein Restaurant, dessen Begrünung wohltuenden Schatten spendet. Vor dem Lokal lassen uns die schwüle Sommerluft in Kombination mit den herausströmenden Düften gedanklich nach Südostasien reisen. Im BE, ehemals To Gao, erfrischt sich die Gruppe mit exotischen Schorlen oder fruchtigem Upside Down Beer, als vegane Dumplings, gefüllt mit Tofu, Mungo- und Sojabohnen zu einer würzig-süßen Soße serviert werden.
Zurück im Innenhof erzählt Lenz-Leußler von der sogenannten Vierländer Blutegel Börse. Damals noch begehrtes Allheilmittel, florierte in Bergedorf der Handel mit den Blutsaugern. Zeitweise wurden bis zu zwei Millionen Exemplare jährlich gehandelt und bis nach Frankreich und England exportiert. Die Bestände in den Vier- und Marschlanden waren schnell erschöpft, also reisten die Kleinbauern sogar bis nach Russland – mit einer Fuhre mit bis zu 100.000 Blutegeln im Schlepptau wanderten sie zurück nach Bergedorf. „Das war ein sehr lukratives Geschäft – bis man Antibiotika erfand“, erzählt Lenz-Leußler.
Hausgemachte Pasta am Schillerufer
Vorbei am Amtsgericht schlendern wir am Schillerufer entlang, während die Bille links von uns gemächlich dahin fließt. Bei einem Stopp unter Bäumen erinnert Lenz-Leußler an Wilhelm Wiesner, den ersten SPD-Bürgermeister Bergedorfs. In den 1920er-Jahren prägte er den aufblühenden Bezirk wie kaum ein anderer. Unter seiner Führung entstand neuer Wohnraum, das Amtsgericht sowie der Vorläufer des heutigen Billebads, das auf der gegenüberliegenden Uferseite vor uns auf ragt. Bei Michael Lippke werden Kindheitserinnerungen wach. „Im Billebad haben wir unsere Kindheit verbracht“, erzählt er. Damals noch mit einfacher Liegewiese, Sprungturm und kleinem Pommes-Stand, heute mit Sauna, Wellnessbereich und Dachterrasse. „Von der Wasserseite aus konnte man früher über den Zaun klettern. Da haben wir in unserer Jugend ein paar lustige Nächte erlebt“, gesteht Lippke und lacht.
Ein Stück weiter wartet bereits die nächste Station: Das italienische Restaurant Locanda Riva direkt am malerischen Billeufer. „Das war damals noch ein Bootshaus”, erzählt Scheer. Dort, wo früher Kanus auslagen, steht nun eine gedeckte Tafel auf der Sonnenterrasse am Wasser bereit. Der Duft von gebratenem Speck und Spargel zieht durch die Reihe – Restaurantinhaber Besir Nuredini serviert die hausgemachten Tagliatelle. Für einen Moment verstummen die Gespräche, nur das Besteck klappert, als die Gruppe die würzige Pasta zu kalten Erfrischungen genießt.


Vom Villenviertel zum malerischen Schlosspark
Gut gestärkt geht es weiter entlang der Chrysanderstraße. Vorbei an der denkmalgeschützten Bergedorfer Mühle erreicht die Gruppe einen Teil des Stadtteils, den viele Hamburger kaum kennen: das größte zusammenhängende Villengebiet Norddeutschlands. Zwischen Schlosspark und Bergedorfer Gehölz reihen sich herrschaftliche Häuser in Buttergelb, Altrosa und Flieder aneinander. Blühende Veranden und mit Stuckelementen verzierte Fassaden und Erker prägen das Straßenbild.
Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte das Hamburger Großbürgertum Bergedorf für sich. Nachdem die Eisenbahnverbindung eröffnet worden war, ließen wohlhabende Kaufleute, Reeder und Fabrikanten hier ihre Sommerresidenzen errichten. Wo zuvor verwildertes Brachland lag, entstand nach und nach das gut drei Quadratkilometer große Nobelquartier. „Die haben sich gegenseitig übertroffen in Schönheit und Eleganz“, sagt Lenz-Leußler. Tatsächlich wirkt manches Haus eher wie ein kleines Schloss als Wohnhaus. Nach einem echten Schloss müssen wir allerdings nicht lange suchen – und zwar dem einzigen in Hamburg.
Entlang der Bergedorfer Schlossstraße führt uns der Weg schließlich in den Schlosspark zu einem der seltenen historischen Bauwerke Hamburgs. Die Ursprünge des Bergedorfer Schlosses reichen bis ins Mittelalter zurück – damals noch als mittelalterliche Wasserburg errichtet, wurde das Bauwerk über die Jahrhunderte immer wieder erweitert und umgebaut. Entstanden ist ein architektonischer Mix aus verschiedenen Epochen, der dem heutigen Museum seinen romantischen Charme verleiht. Gemeinsam mit dem Schlossgraben und den gepflegten Grünanlagen gleicht der Anblick einer Kulisse aus einem Märchenbuch. Kein Wunder, dass hier häufig frisch vermählte Brautpaare für ihre Hochzeitsfotos posieren. „Mitten in Bergedorf so eine Idylle – das ist schon richtig schick“, schwärmt Lenz-Leußler.

Eistorten-Finale in Bergedorfs Altstadt

Von dort führt die Route zurück ins Herz der Altstadt. Vorbei an der Kirche St. Petri und Pauli und am Bergedorfer Marktplatz. Früher wie heute herrscht hier geschäftiges Treiben. Wo die Vierländer Bauern ihre Ernte darboten, locken Cafés und Geschäfte zum gemütlichen Bummeln durch die niedlichen Gassen ein. Ein paar Straßen weiter kehren wir ins Café Nourish ein, das ebenso gut in Winterhude oder Eppendorf stehen könnte: wir treten in einen hellen und luftigen Raum, geradezu maßgeschneidert zum gesundheitsbewussten Konzept: Hier gehören Yogakurse ebenso wie Sauerteigbrote, Smoothies und Proteinshakes zum Repertoire.
Inhaberin Monique Eichhorn hat bereits eine Himbeer-Pistazien-Eistorte für die Gruppe kalt gestellt. Nach Stunden in der Sommersonne eine wahre Wohltat zu Eiskaffee und hausgemachter Limo. Ein krönender Abschluss für einen Tag, der bewiesen hat, dass Bergedorf weit mehr ist als Hamburgs grüner Randbezirk.