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Caffè con Vincenzo

Nonnamaxxing – oder warum Großmütter nie aus der Mode kommen

Für Vincenzo Andronaco gehört es seit seiner Kindheit dazu, gute Produkte mit viel Zeit zu köstlichen Gerichten zu verarbeiten 

AnzeigeBei Vincenzo Andronaco liegt seit seiner Kindheit der Fokus auf guten, frischen Produkten / ©Andronaco
Bei Vincenzo Andronaco liegt seit seiner Kindheit der Fokus auf guten, frischen Produkten / ©Andronaco

Neulich hat mir jemand erzählt, dass junge Leute jetzt „Nonnamaxxing“ machen. Ich musste erst einmal nachfragen, was das überhaupt sein soll. Ehrlich gesagt dachte ich zuerst, das sei wieder irgendeine neue Fitnessübung. Als man mir erklärte, dass junge Menschen wieder so kochen und leben möchten wie eine italienische Nonna, musste ich lächeln. Sich Zeit nehmen, aus einfachen Zutaten etwas Besonderes machen, Brot selbst backen, Reste sinnvoll verwerten und am Ende gemeinsam am Tisch sitzen. Da dachte ich nur: Na Gott sei Dank! Denn für uns Italiener war das nie ein Trend. Das war einfach unser Leben.

Wenn ich daran denke, sehe ich sofort meine Nonna Stefana vor mir. Sie kochte noch auf einem Dreifuß über dem offenen Feuer. Für mich als kleinen Jungen war das völlig normal. Damals wusste ich natürlich nicht, dass das Jahrzehnte später einmal modern sein würde. Nonna Stefana kochte nicht nach Rezept. Sie kochte nach Gefühl. Und ich glaube, genau das können Großmütter wie niemand sonst. Dieses Gefühl kann man nicht herunterladen und auch nicht in einem Video lernen. Das bekommt man nur, wenn man gemeinsam am Tisch sitzt, zuschaut, probiert und sich Zeit nimmt.

Ohne Wochenplan 

Bei meinen Großeltern gab es Rinder. Wenn geschlachtet wurde, bekam jedes Familienmitglied seinen Teil. Ich durfte als kleiner Junge das Fleisch verteilen und kam selten mit leeren Händen zurück. Mal gab es Feigen, mal Gemüse oder etwas anderes, das gerade geerntet worden war. Man tauschte einfach, was man hatte, und jeder half jedem. Bei meiner Nonna kam immer das auf den Tisch, was gerade da war. Einen Wochenplan gab es nicht. Wir hatten Kaninchen. Und glauben Sie mir: Es gab Zeiten, da dachte ich, auf der ganzen Welt gäbe es nichts anderes zu essen. Mal mit Tomaten, mal mit Kartoffeln, mal mit Pasta. Das Ergebnis sieht man bis heute: Ich esse kein Kaninchen mehr. Und dann war da noch die Pasta mit Kastanien. Die mochte meine Nonna Stefana sehr, ich dagegen nicht wirklich.

Gemeinsam mit Nonna Ina von Agromonte kocht Vincenzo Andronaco köstliches Tomatensugo / ©Kennedy Production

An andere Gerichte denke ich dagegen bis heute mit großer Freude zurück: Unter den Zitronenbäumen wuchs ein wilder Salat. Wahrscheinlich würde ihn heute jeder Gartenbesitzer als Unkraut ausreißen. Für meine Nonna war er ein Schatz. Sie pflückte sorgfältig die schönsten Blätter, wusch sie mit großer Geduld und machte daraus mit ein paar Zwiebeln und selbst gemachtem Olivenöl einen Salat, den ich bis heute nicht vergessen habe. Überhaupt wurde damals nichts verschwendet. Aus Tomaten entstand Passata für den Winter, Brot wurde selbst gebacken und später weiterverarbeitet, Gemüse eingekocht. Heute nennen wir das Nachhaltigkeit. Für sie war das selbstverständlich. Oft haben wir draußen auf den Feldern gegessen. Unter den Bäumen stand eine große Steinplatte. Das war unser Esstisch. Und wenn noch jemand vorbeikam, rückte man einfach zusammen. Ich habe mich als kleiner Junge oft gefragt, wie es sein konnte, dass immer genug Essen da war. Wahrscheinlich hatten italienische Großmütter schon damals eine geheime Superkraft.

Manchmal braucht es einfach nur eine Nonna

Deshalb freue ich mich ehrlich über diesen neuen Trend, auch wenn ich mit dem Wort „Nonnamaxxing“ wahrscheinlich nie richtig warm werde. Wenn junge Menschen wieder Freude daran finden, wie eine Nonna zu kochen und zu leben, aus einfachen Zutaten etwas Gutes zu machen, Brot selbst zu backen, Lebensmittel wertzuschätzen und gemeinsam zu essen, dann bleibt etwas erhalten, das viel wertvoller ist als jedes Rezept. Ich habe manchmal das Gefühl, dass in den letzten Jahren das Foto vom Teller wichtiger geworden ist als der erste Bissen. Wenn dieser Trend das wieder verändert, dann geht mir wirklich das Herz auf. Ich sage oft: Gutes Essen braucht keine komplizierten Zutaten. Heute würde ich ergänzen: Manchmal braucht es einfach nur eine Nonna. Es sollte wieder selbstverständlich werden, gemeinsam zu kochen, gemeinsam zu essen und sich Zeit füreinander zu nehmen. Meine Nonna Stefana hätte wahrscheinlich gar nicht verstanden, warum man dafür heute einen englischen Namen braucht. Sie hätte mich angelächelt, mir den Kochlöffel in die Hand gedrückt und gesagt: „Komm, Vincenzo. Jetzt wird gekocht.“

Seine Kindheit hat er in Sizilien oft in der Küche seiner Großmutter Stefana verbracht /© Kennedy Production
Seine Kindheit verbrachte Andronaco in Alì, eine Gemeinde der Metropolitanstadt Messina in Sizilien /© Kennedy Production

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Vincenzo Andronaco ist Gründer, Feinkostexperte und leidenschaftlicher Botschafter italienischer Genusskultur. Seit über 40 Jahren bringt der gebürtige Sizilianer mit Andronaco authentische Spezialitäten, herausragende Produzenten und das Lebensgefühl seiner Heimat nach Deutschland. Mit feinem Gaumen, großer Leidenschaft und einem einzigartigen Netzwerk gilt er heute als einer der besten Kenner italienischer Kulinarik im deutschsprachigen Raum.