Es ist ein grauer Herbsttag. Und trotzdem füllt sich die kleine Eisdiele Schlecks in Ottensen. Babyblaue Wände, bunte Kristallleuchter und die Leuchtreklame mit dem Motto „Was schleckst du?“ empfangen die Gäste. Pia Schatkowski und Thomas „Thommy“ Noack mögen es bunt und ausgefallen – das zeigt sich auch auf der Karte mit ihren ungewöhnlichen Eisbechern und witzigen Namen. Die Dauerrenner heute: Bunter Schmackofatz und Krümelmonster. Doch für das beliebte Eiscafé war diese Saison die letzte. Das Betreiberpaar hatte das Aus bereits im Sommer auf Instagram angekündigt. Am Sonntag schließt das Schlecks nach zehn Jahren endgültig.
Grund ist ein auslaufender Mietvertrag: Der Eigentümer möchte die Fläche verkaufen, ohne Mieter lasse sich der Verkauf besser umsetzen. „Wir hätten nächstes Jahr noch eine volle Saison machen können. Aber wir haben gesagt: Wenn wir hier keine Zukunft haben, ziehen wir lieber jetzt einen geraden Schnitt. Zehn Jahre sind ein guter Abschluss“, so Thommy. Für viele Stammgäste, die den Laden seit der Kindheit kennen, ist es ein bitterer Abschied.
Vom Kreuzfahrtschiff zum eigenen Eisladen
Ein Rückblick: Der Hotelbetriebswirt und die Veranstaltungskauffrau lernen sich auf einem Kreuzfahrtschiff kennen. Thommy ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit 13 Jahren mit der Aida auf der ganzen Welt unterwegs. Als Entertainment Manager entdeckt er auf seinen Reisen das sogenannte Cold-Stone-Konzept, bei dem Eis auf einer eiskalten Granitplatte mit verschiedenen Zutaten vermengt wird. Pia kommt später in sein Team. „Da hat es direkt zwischen uns gefunkt. Wir haben noch an Bord beschlossen, dass wir zusammen vom Schiff gehen und einen Eisladen aufmachen“, erzählt Thommy. Beide kündigen ihre Jobs und setzen alles auf eine Karte. „Wir haben den Mietvertrag unterschrieben und einfach losgelegt.“ Mit Erfolg: Zehn Jahre lang hält sich das Schlecks und wird zu einem beliebten Treffpunkt in der Nachbarschaft.
Viele Ideen und Eisbecher mit Namen wie „Miss Mallow“ oder „Banana Joe“ entstehen gemeinsam mit der Stammkundschaft. „Wir hatten immer direktes Feedback und haben dadurch auch Anregungen bekommen, welche Zutaten wir noch anbieten könnten“, sagt Pia. Neben verschiedenen Eissorten landen Zutaten wie Ahoi-Brause, Käsekuchen, Milchreis oder Wackelpudding auf der eiskalten Platte. Je nach Saison kommen gebrannte Mandeln oder Spekulatiuscreme dazu.

Abschied vom Schlecks am Sonntag
Die verrücktesten Kreationen der letzten Jahre: Naturjoghurt-Eis mit herzhaften Falafel oder Spaghetti-Eis – allerdings mit echten Nudeln, die in süßer Milch gekocht und anschließend mit Vanilleeis im Becher landeten. Dass dieses ungewöhnliche Konzept nun aus dem Stadtteil verschwindet, macht den Abschied für einige Stammgäste besonders schwer. „Es kamen so viele Gäste zu uns, die richtig traurig waren. Da haben wir erst verstanden, dass es für viele mehr ist als nur ein Eisladen“, sagt Thommy. Pia ergänzt „Wir haben hier Kinder aufwachsen sehen, einige davon arbeiteten später bei uns als Aushilfe. Oder schwangere Muttis, die heute mit ihren Kindern zum Eis essen kommen. Ottensen ist wie ein Dorf, man kennt sich hier einfach.”
Der Abschied löst bei beiden gemischte Gefühle aus. „Wir sind unfassbar dankbar für die tolle Zeit und die Freundschaften, die dadurch entstanden sind. Gleichzeitig freuen wir uns darauf, dass jetzt etwas Neues kommt – auch wenn wir noch nicht wissen, was das sein wird“, sagt Pia. Zunächst steht eine kleine Auszeit an, bevor es zurück in einen „klassischen Nine-to-five-Job“ geht. Für immer muss das allerdings nicht sein. „Vielleicht wird uns irgendwann langweilig und wir machen doch wieder etwas ganz anderes“, so Pia. „Es würde mich nicht wundern, wenn wir irgendwann einen Taco-Laden aufmachen.“
