Manchmal beginnt eine steile Karriere ganz unverhofft und ohne Masterplan. Bei Bettina „Betty“ Schliephake-Burchardt zündet der Funke damals mit einem Backbuch. Zu der Zeit absolviert sie gerade eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin, als ihre Lehrerin einen Band über kunstvoll dekorierte Motivtorten im englisch-amerikanischen Stil mitbringt. „Ich war total hin und weg, weil ich so etwas noch nie gesehen habe“, sagt die heutige Konditormeisterin, die vor allem als TV-Jurorin in der Sat.1-Show „Das große Backen“ bekannt ist. Während früher Hochzeitstorten in Deutschland meist aus dreistöckigen Sahnetorten mit Zucker- oder Marzipangarnitur bestehen, entstehen in England und Amerika längst fantasievolle Einzelstücke – mit Figuren und Landschaften aus Fondant und viel Mut zur Farbe. Für Betty ist es der erste Blick in eine neue Welt, die sie drei Jahrzehnte lang maßgeblich prägen wird.
Pionierarbeit für die Torten-Szene
Als sie 1989 ihre zweite Lehre in der Hamburger Konditorei Steidl beginnt, ist Cake Design in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Rollfondant und spezielles Werkzeug sind schwer zu finden, Onlineshops noch lange Zukunftsmusik. Also reist Betty oft nach England, besucht dort Kurse und Tortenmessen, um sich auszustatten. „Ich musste mir die Utensilien aus England per Fax bestellen“, erinnert sie sich. „Ich besitze Dinge, wo ich bis heute nicht weiß, wofür sie eigentlich gedacht sind.“ 1993 gründet sie ihre Firma „Betty’s Sugar Dreams“ und gehört damit zu den Ersten, die sich hierzulande professionell auf Motivtorten im englisch-amerikanischen Stil spezialisieren.
Was heute eine riesige Industrie ist, war damals echte Pionierarbeit. „Da ich die Einzige in Deutschland war, die in diesem Stil arbeitete, hatte ich keine Vergleiche.“ Auf internationalen Wettbewerben holt sie sich nicht nur begehrte Titel, sondern vor allem fachliches Feedback. Sie bildet sich kontinuierlich weiter, gewinnt Goldmedaillen im In- und Ausland, wird zur internationalen Jurorin und besteht 2016 als erste Europäerin die anspruchsvolle Prüfung der amerikanischen Tortenvereinigung ICES zur „Certified Master Sugar Artist“.
In England ist eine Torte auf der Party ein Statussymbol
Ihr 2009 erschienenes Buch „Motivtorten-Basics“ wird zum Grundlagenwerk für die Torten-Szene im deutschsprachigen Raum, ihre Kreationen längst bei der Prominenz begehrt. Eine Torte zum 30. Geburtstag von Sylvie Meis, dekoriert mit rosa Schleifen, Stilettos, Handtaschen und reichlich „Bling-Bling“, landet sogar in einer Hamburger Zeitung. In England, erzählt sie, hat die Torte ohnehin einen völlig anderen Stellenwert: „Dort ist eine Torte auf der Party ein Statussymbol. Und wenn du wer bist, dann muss sie auch von einem guten Designer sein.“

Von der Backstube ins Backzelt
2015 wechselt sie schließlich Tortenatelier gegen Fernsehstudio – in ihrem Fall ins Backzelt. Seit zwölf Jahren sitzt sie in der Jury von „Das große Backen“ und bewertet mit dem Hamburger Spitzen-Pâtissier Christian Hümbs die Backkreationen der Hobbybäckerinnen und -bäcker. Dabei geht es ihr nicht nur um Optik und Geschmack. Technik, Kreativität und Mut sind es auch, die am Ende auf das Siegertreppchen und letztendlich zum Goldenen Cupcake führen. „Die ersten Staffeln waren ambitioniert, aber nicht mit diesen Grundkenntnissen, die unsere Hobbyisten heute präsentieren“, betont die Hamburgerin. Geschmacklich werde es immer experimenteller. Gewürze und Kräuter wie Thymian oder Chili landen in den süßen Kreationen, die mal als pastellfarbener Rosengarten oder farbenfrohe Unterwasserwelt daherkommen.


„Da werden Christian und ich oft überrascht.“ Und auch die beiden Profis lernen immer noch dazu. Besonders in Erinnerung blieb ihr zuletzt Oksana Lass aus der 14. Staffel mit ihrem Samt-Biskuit auf Kefirbasis. „Der hat eine ganz besondere Konsistenz. Den haben wir beide so noch nie gegessen. Auch ihre Milchmädchen-Buttercreme war eine neue Entdeckung.” Dass einige die Show als Sprungbrett nutzen, freut Schliephake-Burchardt besonders: „Viele unserer Kandidaten machen danach eine Ausbildung als Konditor, bilden sich zum Meister weiter oder machen sich selbstständig.“
Es wird immer ein backendes Handwerk geben. Und es wird immer Leute geben, die bereit sind, für etwas Feines zu bezahlen
Stimme einer Branche
Heute reicht Bettys Einfluss längst über den Bildschirm hinaus. Seit 2015 engagiert sie sich im Vorstand der Konditoren-Innung Hamburg und im Gesellenprüfungsausschuss. Inzwischen steht sie als Präsidentin an der Spitze des Deutschen Konditorenbundes – als erste Frau in diesem Amt. Für die Zukunft des Konditorenhandwerks bleibt sie optimistisch. „Wir sind eine KI-sichere Branche: Es wird immer ein backendes Handwerk geben. Und es wird immer Leute geben, die bereit sind, für etwas Feines zu bezahlen.“ Was die Zukunft für sie selbst bereit hält, lässt sie bewusst offen. Einen großen Masterplan hatte sie ohnehin nie. „Ich lasse mich einfach weitertreiben und gucke, was noch kommt. Das ist ja auch viel spannender.“
